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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVII (1882 / 205)

tend lückenhaft ist), könnte fast scheinen, als ob zur Darstellung des 
Porzellans, zum Gelingen einer Fabrik eben nur die Kenntniss eines 
bestimmten Arcanums, eines Principes erforderlich gewesen, das dann 
selbst in den Händen von einfachen Arbeitern allerorten zu unfehlbarem 
Erfolge führte. Dem ist nicht so. Nicht das Recept der Masse etwa 
half allein, die Behandlung, das Formen, allerhand Manipulationen, end- 
lich der Bau des Ofens, das Brennen, das sind die Momente, die man 
als Geheimniss übernahm, Winke, die dann in den Händen geschickter 
Leute zu leichterem Erfolge führen konnten - wenn die Grund- 
bedingung vorlag - der Kaolin. Und das ist nun ein Haupt- 
moment der Entwicklung, das ausdrücklich betont werden muss. Die 
Apostel des Porzellans verbreiteten die Kenntniss des Kaolins, der 
Porzellanerde, die nun allerorten gesucht und wirklich auch an vielen 
Stellen gefunden wurde. Daher die Möglichkeit der rapiden Ausbreitung 
des Porzellans. Ohne Kaolin kein echtes Porzellan. Frankreich, das reiche 
lndustrieland, kam erst sehr spät zu Kaolinfunden; solange konnte auch 
das wahre, deutsche Porzellan dort nicht zu Stande kommen. 
Dagegen hatte man da die Frage auf einem anderen, vielleicht 
scharfsinnigerem Wege gelöst. Ich erwähnte schon der Versuche Reaumufs, 
durch glasige Schmelzen porzellanähnliche Producte zu erzielen. 
Reaumufs Methode war nun an und für sich zu umständlich, aber 
ähnliche Wege führten zu besserem Ziele und schon 1695 hatte ein 
gewisser Morin zu St. Cloud in der That ohne Kaolin ein Product zu 
Stande gebracht, welches, wenn auch noch roh und unvollkommen, dem 
chinesischen Porzellan halbwegs ähnlich sah. Bald war die Methode ver- 
vollkomrnnet, und das Product konnte im Aussehen dem orientalischen 
vollkommen Stand halten; es war von schön weißer Farbe, ja sogar 
reiner weiß, transparent, mit einer mild glänzenden Glasur; nur ein 
Unterschied, in der Natur der Sache gelegen, war auffallend, die Glasur 
ließ sich mit Stahl ritzen, war weich, die Masse spröder als bei dem 
echten Porzellan. 
Man hat dies Erzeugniss in der Folge, zum Unterschiede vom echten 
harten Producte porcellaine tendre, das weiche Porzellan, oder päte 
tendre genannt. 
Die Methode blieb auch hier nicht lange geheim. Sie wurde (1735) 
an eine Fayencefabrik zu Chantilly, von hier an den Finanzintendanten 
Marquis d'Ovry verrathen, der 1740 eine Mannfactur zu Vincennes dafür 
errichtete. 
Später übernahm der Bruder des Intendanten das Geheimniss, grün- 
dete eine Gesellschaft}, die ein ausschließliches Privilegium erhielt und 
ihre Manufactur im Schlosse von Vincennes unter dem Director 
Boileau und mit Hilfe tüchtiger Chemiker und Künstler bald zu solcher 
Entwicklung brachte, dass selbe ein Gegenstand des lebhaftesten Interesses 
Königs Ludwig XV. wurde. 1753 fand sich der König sogar bewogen,
	        

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