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MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XIX (1884 / 221)


genommen, und ebenso den Gedanken der Kaiserin Maria Theresia, betreffend

 die Pflege des deutschen Bürgerstandes und Fortsetzung der

Colonisationen durch fleißige deutsche Gewerbsleute und Arbeiter in

ienem Lande festgehalten haben, dann wäre Ungarn schon heutigen Tages

ein großes Industrieland. Gegenwärtig aber schwankt die ungarische

Industrie auf unsicheren Pfaden und ist in den Händen politisirender

Cavaliere und Speculanten.

Es ist ganz unbegreiflich, wie Staatsmänner die Macht der heutigen

Productionsverhältnisse so verkennen können, um zu glauben, die Bruchstücke

 alter Hausindustrie seien so stark, um mit ihrer Hilfe eine neue

nationale Industrie zu schaden. Wenn wir um der künstlerischen Elemente

 wegen die Hausindustrie hochschätzeri, so geben wir uns keiner

Täuschung hin, dass das Verwerthen dieser künstlerischen Elemente für

Schule, Industrie und Kunst keine leichte Arbeit sei. Nur ganz hervorragenden

 Künstlern, welche sich mit Industrie beschäftigen, kann es unter

ganz besonders günstigen Verhältnissen gelingen, einen Erfolg zu erzielen.

Der nach hergebrachter Methode gelehrte Zeichenunterricht wird mehr

den Niedergang, als die Hebung der Hausindustrie befördern. Dass es

den Castellani's gelungen ist, die alt-etrurische Goldschmiedetechnik zu

beleben, ist ein Zeugniss ihrer künstlerischen Begabung und ihres kaufmännischen

 Talentes. Die russische Hausindustrie ruht auf fester, großer

nationaler Industrie einer ungebrochenen Kunstthätigkeit eines Theils der

russischen Völker. Durch Staatshilfe gelang es im Erzgebirge und in

Idria die Hausindustrie und Spitzenindustrie künstlerisch zu beleben.

Ob diese Bestrebungen von dauerndem Erfolg begleitet sein werden, hängt

wesentlich von dem Geschäftsgeist des Bürgerstandes, der in diesen Gegenden

 den Vertrieb der Spitzenindustrie übernimmt, ab. Es ist daher

die Belebung und Fructificirung der künstlerischen Motive in erster Linie

von der künstlerischen Leitung und in zweiter Linie von der Thatkraft

des Bürgerstandes abhängig, welcher in jenen Ländern wirkt, wo eine

Hausindustrie existirt. Auch Zeichenlehrer, die kaum ein künstlerisches

Vermögen besitzen, um eine Lehrerprüfung anständig durchzumachen,

reichen mit ihren Bestrebungen in der Schule nicht aus, wenn sie nicht

Hand in Hand mit dem Gewerbestande gehen.

Betrachten wir nun nach diesen allgemeinen Erwägungen die Lage

und die Bedeutung der Hausindustrie in Oesterreich. Wir sind dabei

allerdings im Widerstreit mit den meisten Nationalökonomen, welche die

Hausindustrie für einen halb oder ganz überwundenen Standpunkt im

volkswirthschaftlichen Leben ansehen und jede menschliche Arbeit nur

insofern als berechtigt anerkennen und für den Volkswohlstand als bedeutend

 betrachten, als man sie statistisch bezilfern und in Geldwerth ausdrücken

 kann. Dass bei dieser Methode der Arbeitswerth, die ethischen

und künstlerischen Factoren in den Hintergrund gedrängt werden, ist

klar. Sie hat daher nach meiner Meinung nur einen geringeren Werth.
            
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