geordnete städtische Zustande ein weichlicheres Dasein ermöglichten, durch den ionischen
Leinenrock, in Verbindung mit einer künstlichen Goldschmuck erfordernden Haartracht,
auch in Athen, aber zu einer weit früheren Zeit, als nach Herodot bei den Frauen. Kurz
vor der Zeit des Autors, also ohne Zweifel durch die nationale Reaction der den Perser-
kriegen folgenden Jahrzehnte, wurde diese luxuriöse Tracht wiederum abgelöst durch
eine maßvollerc, die von Sparta ausging, gewiss also an dorische, d. h. althellenische
Traditionen anknüpfte. Dass dieser zweite Trachtwechsel, trotz des Stillschweigen:
Herodot's, auch die Frauentracht beeinflusste, zeigen andere Schriftstellen und die Denk-
mäler der perikleischen Zeit, welche die mannigfaltigsten Formen der dorischen Frauen-
tracht aufweisen. ihre Entwickelung, von der einfachsten, bei den Mädchen des conservativen
Sparta im Gebrauch gebliebenen, bis zu der reichsten Form, wie sie die attischen Kane-
phoren veranschaulichen, wurde in Kürze an einer Auswahl von Denkmälern des 5. Jahr-
hunderts nachgewiesen. Von diesen ausführlichen Darstellungen an wurde die dorische
Frauenkleidung im Sinne Herodofs als die ursprünglich altattische und allgemein grie-
chische nachgewiesen; ersteres an attischen Vasenbildern aus der ersten Hälfte des
6. Jahrhunderts, voran der Franeoisvase, letzteres an den homerischen Gedichten. Der
Peplos, das Hauptgewand der Frauen, erscheint dort als ein großes Wollenzeug, welches
mit Heftnadeln um den Leib befestigt wird. Der lrrthum W. Helbig's, welcher im Gegen-
thcil den homerischen Peplos als ein durchaus orientalisches, nach Art unserer Hemden
auf der Brust geschlitztes und hier mit Heftnadeln geschlossenes Gewand darstellt, ver-
liert schon dadurch seinen Halt, dass die Heftnadel den orientalischen Culturen fremd
und graeco-italischer Erfindung zu sein scheint. Die Homerstelle, wo Hera ihren Peplos
ran der Brust. oder i-gegen die Brust hin- zuheftet, hätte Helbig nicht zum Ausgangs-
punkt seiner Hypothese gemacht, wenn er bemerkt hätte, dass eine diesen Worten genau
entsprechende v-dorischet Frauenkleidung auf der Francoisvase deutlich nachweisbar ist.
Um die älteste grieclfßche Mannertracht zu ermitteln, die der nwaffentragenden-
Periode bei Thukydides entsprach, wurde die Kleidung der Männer bei Homer in Be-
tracht gezogen. Der Leibrock oder Chiton erweist sich, wenn auch nicht durch ausdrück-
liche Angaben, so doch durch unzweideutige Beiwörter und Gleichnisse (natürlich auch
durch seinen Namen) als der asiatische Linnenrock. Es bleibt also die Chlaina übrig,
die schon ihrem Stoffe nach - sie ist ein Wollenrnantel - dem Peplos der Frauen
entspricht. Aber auch in der Art, wie sie getragen wurde, erscheint sie als dem
-dorischenn Frauengewand entsprechendes Mannerkleicl. Einfach oder doppelt gelegt
wurde sie mit einer Heftnadcl um die Schulter festgeheftet. Vor der Entlehnung des
Chitons von den Orientalen war sie, von einem Hüftcnschurz abgesehen, das einzige
Gewand, wie auch noch später bei Kriegern (Chlamys) und alterthumlicher Sitte huldigenden
Männern, besonders in Sparta. Dasselbe wird von den Römern überliefert, bei denen
ursprünglich Manner und Frauen nichts als die Toga trugen, Aehnliches von den Ger-
manen und anderen Barbaren, so dass wir die Grundformen der -dorischenr Kleidung
als indogermanisches Erbgut ansehen dürfen. v
Während der ionische Rock bei Homer als allgemeine Mannertracht erscheint,
fehlt er der Frauenkleidung vollständig. Wann er in dieser Aufnahme fand, wird sich
vielleicht noch aus den Denkmälern feststellen lassen. Als Blüthezeit dieser Tracht
erscheint das 6. und die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts, deren Denkmäler sie beherrscht.
Die Form des Chitons ist die eines rechtwinkeligen oder trapezfdrmig nach unten sich
verbreiternden Hemdes, mit kurzen Halbarmeln oder nur mit sehr breiten, den Oberarm
(manchmal auch den ganzen Arm) bedeckenden Schulterstücken, die oft statt der Naht
eine Reihe von 6-8 Knüpfen zeigen. Der ionischen Tracht ursprünglich eigenthümlich,
wenn auch später auf die dorische übertragen. sind die verschiedenen Arten, das Gewand
über dem Gürtel zu bauschen. Am charakteristischesten aber tritt in ihren Darstellungen
die feine, leichtem Leinen- oder Baumwollstoß" entsprechende Faltelung auf, welche die
lonier vielleicht von den Aegyptern erlernt haben. Zum Theil ist sie durch wirkliche
Plissirung hervorgebracht, zum Theil durch eine Art Appretur, wie sie heute noch die
Künstler anwenden und die im Alterthum wahrscheinlich nur durch das Verfahren bei
der Wäsche erreicht wurde. Die Darstellung solcher krausfaltiger Gewander in einer natur-
gemaßen Weise erreichte erst die Kunst. Die archaische ordnete das Durcheinander in
ein regelmäßiges Nebeneinander und schuf so die Formel der nwelligen Faltelungu, die
man lange mit Unrecht als Ausdruck für feines Wollengewebe anzusehen pflegte. lm
Zusammenbange mit der künstlichen Faltung stehen ohne Zweifel auch die breiten
glatten Besatzstreifen, welche der ionische Chiton meist am Halsausschnitt, auch an den
Aermelnahten aufzuweisen pflegt.
Der Gesammtcharakter zopfiger Gebundenheit, der der ionischen Kleidung und
Haartracht gemein ist, kommt besonders deutlich zum Ausdruck in den verschiedenen
Gestaltungen des schmalen, quer um die Brust gelegten Obergewandes, das an archaischen
Athena- und besonders an den sagen. Spesfiguren hauhg ist und sehr mit Unrecht viel-
fach den Namen Peplos führt.