Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XX (1885 / 238)

4.36

beide Gattungen der Illustration zu erkennen: die eine, welche den Zweck

hat, den Inhalt des Schriftstückes zu verdeutlichen oder zu veranschaulichen,

 die andere, in welcher sich nur der künstlerische Schaßenstrieb

Genüge leistet, die also auf den Text geringe oder keine Rücksicht nimmt.

Diese beiden Gattungen lassen sich fort und fort neben einander verfolgen

und vereinigen sich gelegentlich. In den noch aus den ersten Jahrhunderten

 unserer Zeitrechnung stammenden Bilderhandschriften, wie in dem

berühmten, unter den Schaustücken der vaticanischen Bibliothek ausgestellten

 Virgil, hat der Künstler die für malerische Behandlung geeigneten

 Vorgänge, welche der Dichter erzählt, ausgewählt. In den frühmittelalterlichen

 Evangelien-Handschriften etc. des Abendlandes dominirt

die echte Illustration. Der Maler zeigt den Evangelisten oder Kirchenvater

 als Autor des Werkes an seinem Schreibpulte oder auch lehrend,

führt die Gestalten der heiligen Personen porträtartig oder handelnd vor

u. s. f., benützt dann und wann auch den Rand des Pergamentblattes

in ähnlicher Weise, wie häufig der radirende Kupferstecher den Plattenrand.

 Wie dieser Letztere die Nadel sich, gewissermaßen zur Erholung,

in flüchtigen Skizzen, sogenannten Künstlereinfällen, ergehen lässt, die

nur auf Probedrucken erscheinen, da sie vor dem Beginne des Druckes

der Auflage weggeschlilfen werden, so haben die malenden Mönche mitunter

 Fratzen, vielleicht Spottbilder auf andere Klosterbewohner, an den

Rand gezeichnet.

In zwei verschiedenen Gegenden aber treten rein ornamentale Buchverzierungen

 ganz selbständig auf. In byzantinischen und armenischen

Messbüchern sind die canones, die Gebetordnungen, von Bogenstellungen

eingerahmti, deren Flächen mit musivischen Mustern bekleidet und auf

deren Kranzgesims Vögel angebracht zu sein pllegen, Alles in leuchtenden

Farben und Gold. Und die irischen Mönche, welche eine höchst seltsame

Miniaturmalerei zunächst in ihrer Heimat pilegten, dann nach England,

Frankreich und der Schweiz verpflanzten, haben nicht nur in Initialen,

Umrahmungen und Schlussstücken ihr originelles Ornamentationstalent

entfaltet, sondern nicht selten den einzelnen Büchern, Evangelien etc.

Blätter vorangesetzt, welche nur mit Ornament bedeckt sind. Ihre menschlichen

 Figuren entfernen sich im Nackten und in der Gewandung so

sehr von der Naturwahrheit, dass man dabei an absichtliche, allerdings

höchst wunderliche Stylisirung denken muss; die capriciüsen Verschlingungen

 von Schlangen, langhalsigen Vögeln, Bändern, Ranken aber sind

in ihrer Art Meisterstücke, und den mäanderartigen und anderen Linien-Combinationen

 ist nichts an die Seite zu stellen, als die Grundmuster

chinesischer Emaile. Manches von ihrer Verzierungsweise eigneten sich

die Buchmaler anderer Länder, insbesondere für die Initialen an. So

bestimmenden EinHuss die großen Stylwandlungen auch auf dieses Gebiet

künstlerischer Thätigkeit nehmen, wie das romanische stylisirte Pflanzenornament

 von dem kraus naturalistischen gothischen verdrängt wird etc.:
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.