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MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe III (1888 / 1)

vier weibliche Karyatiden; sie tragen das umlaufende, mit Akanthusblättern

 geschmückte Gebälk des Kranzgesimses, aus welchem das Dach

leicht und frei emporsteigt und sind von kräftiger, doch schlanker Gestalt,

welche flatternde Gewänder zum Theil verhüllen.

Zwischen und über ihnen, am Rande des Zeltdacbes schweben gellligelte

 Putten in lebhafter, wie zum Tanze bewegter Stellung. Alle

überragt an Schönheit das Christuskind, das von einem Strahlenkranze

umgeben, mit leicht an die Brust gedrückter Linken und ausgestreckter

Rechten auf Wolkengrund sitzend, Mittelbau und Oberbau glücklich

verbindet 1).

Auf dem, in reich durchbrochener Arbeit ausgeführten Zeltdach

steht eine Statuette des Heilands, nackt, mit bauschigem Hüftentuch

umhüllt, den linken Arm hoch aufwärts, den rechten vor sich haltend

 , den linken Fuß nach rückwärts stemmend. Die Figur ist

schwächlich, wenn sie gleich anatomische Schulung des Künstlers zeigt.

Wirken die fröhlichen Gestalten der Putten und Karyatiden mit erfrischender

 Sinnlichkeit, so zeigt uns das auf der Thüre des Häuschens

angebrachte Relief ein Bild von erschlitternder Gewalt und Tiefe: einen

') lch bemerke, dass der Gypsgießer des Oesterr. Museums noch aus den Vierziger

 Jahren eine Stückform dieser lieblichen Gestalt besitzt, 'die allerdings nicht vom

Originale, sondern von einem andern Gypsabgusse abgenommen und im Laufe der Zeit

sehr stumpf geworden ist. Dieser Gypsabgtms geht seit seinem Bestehen unter dem

Namen Fiammi n go's. Kreittmayer in München hat gleichfalls Abgüsse dieses Christus,

welche, wie ich an einem Beispiele gesehen habe, von noch besserer Art als das Kind

auf unserem Tabernakel sind, so dass man für's Erste geneigt sein könnte, den augenscheinlichen

 Unterschied durch eine spätere Uebermalung des Urbildes zu erklären.

Diese Ansicht entspricht aber den Thatsachen nicht, denn die Bemalung ist entschieden

eine alte und ich habe auf ihr sogar noch Spuren der Abformung entdeckt; allerdings

konnte aber der Münchener Abguss aus einer freien Nachbildung des Urbildes entstanden

 sein. Wie immer sich dies nun verhalten mag, eine nähere vergleichende Betrachtung

 dieser und der anderen Figuren zeigt, wie mir auch Professor Klotz bestatigte,

 in der Behandlung der Körperformen einen wesentlichen Unterschied zu Gunsten

des Christuskindes, und ich bin zu der Ueberzeugung gekommen, dass der Meister,

welchem wir Altar und Tabernakel mit all' ihrem reizenden Schmuck verdanken und

dessens Namen festzustellen später versucht werden soll, die Figur von einem besseren

Vorbilde copirt hat. Hiemit steht in erfreulicher Uebereinstimmung eine Mittheilung, die

mir beim Niederschreiben dieser Zeilen zugekornmen ist, dass in der Malerfamilie Gliedina

zu Cortina, welche viele, leider nur mündliche Ueberlieferungen über den Altar bewahrt

hat, die Erinnerung nachlebt, der Künstler habe sich bei der Anfertigung des Christuskindes

 das Werk eines niederländischen Meisters zum Vorbild genommen. Dieser

Meister wird niemand Anderer als Francois du Quesnoy, genannt il Fiammingo (1594

bis 1644) gewesen sein, dessen größtes Verdienst in der überaus naturivahren Darstellung

vonKinderüguren besteht, und dem wir nebst vielem Anderen den Brunnen des Manneken-Pis

 in Brüssel verdanken. Er ,lebte bekanntlich lange in Rom und sein Schalfen war

ein forttvahrender Protest gegen die übermächtige Manierirtheit der Richtung Bernini's.

Seine Wirkung auf unseren Künstler ist nicht zu verkennen, wenn sie auch keine unmittelbare

 war, denn dieser kam um ein halbes Menschenalter später zur Welt, als

jener starb.
            
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