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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe III (1888 / 1)

Vorher aber, bevor ich den Lauf der Geschichte beginne, sehe ich 
mich genöthigt, eine Frage aufzuwerfen und zu beantworten, welche 
auch bereits die Geschichte zu wiederholten Malen aufgeworfen hat, die 
Frage: soll denn überhaupt die Kirche geschmückt werden? Bei der 
reinen Innerlichkeit des religiösen Lebens, bei der Einfachheit und Gei- 
stigkeit des Christenthums, bei dem Umstande, dass doch der Glaube 
mit dem von Menschenhand geschaffenen Bilde nichts zu thun hat, ist 
es da angemessen, ist es da recht, dass das Gebäude der Kirche einen 
Schmuck erhalte, dessen sie doch zur Erfüllung ihrer religiösen Ziele 
und Aufgaben in keiner Weise bedarf? 
Diese Frage, wie gesagt, ist schon öfter aufgeworfen worden und 
hat Stürme und Schreckenszeiten in der Geschichte der christlichen 
Kirche hervorgerufen. Man hat geglaubt und gesagt, dass das Christen- 
thum in seiner frühesten Zeit aller Kunst abhold gewesen sei, und hat 
daraus einen Grund gegen den Bilderschmuck hergeleitet. Wenn das nun 
auch nicht der Fall war, so haben doch bereits mehrere der Kirchenväter 
sich gegen die Bilder ausgesprochen, weniger aber aus Feindschaft gegen 
die Kunst, als um der Verehrung willen, welche ihnen wohl nach heid- 
nischer Art zu Theil geworden. Wenige Jahrhunderte später, im Anfange 
des achten Jahrhunderts, als die Kirchen aller Orten mit Malereien aus- 
geschmückt waren, da entstand in der That eine Feindschaft gegen den 
Kirchenschrnuck, gegen alle bildlichen religiösen Darstellungen, welche 
im byzantinischen Reiche zu dem langen, mit aller Wuth und Grausam- 
keit geführten Bürgerkriege der Ikonoklasten, der Bilderstürmer, führte, 
ein Krieg, der Märtyrer und Legenden erzeugte. Malern z. B., welche 
die heilige Jungfrau gemalt hatten, wurden von den Gegnern die Hände 
abgehauen, und die heilige Jungfrau ließ sie ihnen wieder wachsen. 
Auch das Mittelalter hatte seine Bilderfeinde. Der heilige Bernhard 
erklärte sich in heftigster Weise gegen allen kirchlichen Schmuck, wäh- 
rend Andere wie der heilige Franz von Assisi den tiefsten Einfluss auf 
die Fortentwickelung der kirchlichen Kunst ausübten. Nun kam die Re- 
formation gleichzeitig der höchsten Entfaltung der modernen Kunst. 
Luther selber war kein Gegner der Kunst in der Kirche. Er sei nicht 
der Meinung, sagt er, dass das Evangelium die Künste vernichten müsse; 
er wünsche im Gegentheil alle Künste, und insbesondere die Musik, im 
Dienste desjenigen zu sehen, der sie erschaffen und uns gegeben habe. 
Nicht aber dachten so die Anhänger Calvins Die Reformirten stellten 
sich alleru Schmuck, aller Kunst in der Kirche feindselig gegenüber; 
kein Schmuck des Altars, kein Bild an den Wänden solle die Herzen 
der Gläubigen ablenken; weiße Wände, grau angestrichenes Gestühl, 
ein schwarz behangener Tisch als Altar war das, was sie für ihre Kirche 
verlangten. Und wie einst in Byzanz, so führte diese Anschauung der 
Reformirten zu einer erneuerten Bilderstürmerei, welche ja in den Nieder- 
landen die Vernichtung einer Unzahl der schönsten Kunstwerke ver-
	        

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