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Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe III (1888 / 2)

äü

auch in der Kunst, zunächst in der Baukunst zu thun. Das gelehrte lnteresse nicht allein

an den Literaturwerken, auch an den Baudenkmalern des alten Rom war lange bereits

rege geworden (man denke z. B. an Poggids nRuinarum Romae descriptioß, an nRoma

instauratan von Blondus von Forli etc.); aber in jene antiquarischen Tendenzen, welche

zunächst von der Literatur ausgingen, kam mit einmal ein zündender Lebensfunke, als

nicht mehr blos Philologen und Humanisten, sondern ausübende Künstler die römischen

Ruinen durchforschten. Dies ist die Geburtsstunde der Renaissance in der Baukunst. Der

archäologische Trieb, der bis dahin theorotisch, doctrinar, literarisch war, er wurde

praktisch und productiv, indem er die hervorbringenden Kratte der Kunst durchdrang

und beseelte. Bei einer geringeren Eigenlebendigkeit des Kunstvermögens hatte das

Bündniss der Alterthumsforschung mit der Architektur für die letztere verhangnissvoll

werden und zu einer kalten, gelehrten, antiquarisch nachahmenden Baurichtung, einem

Seitenstücke der humanistischen Latinitat in der Kunst, führen können. Davor bewahrte

aber die Renaissancekunst ihr reicher Genius. Sie brachte bei allem Anschlusse an die

antiken Formen etwas Neues, echt Eigenthümliches hervor, die reife Frucht italienischen

Kunstgeistes.

Dabei ist es auffallend genug, dass gerade in Florenz, der Wiege der rinascita,

der gothische Stil erst kurz vorher einen echt italienischen Assimilirungsprocess durchgemacht

 hatte, und hier, wie nirgends sonst im Süden, in einen vollig cunsequenten

Ortsstil umgebildet worden war. Die toskanische Gothik, noch keineswegs zu einem

welken Spatstil gealtert, wurde gleichsam bei ganz gesundem Leibe und kräftigen Gliedern

abgedankt und außer Wirksamkeit gesetzt, um der jungen aufstrebenden Renaissance

Platz zu machen. Zwischen dem Ausbau des Meisierwerkes der ßorentinischen Rundbogengothik,

 der Loggia de' Lanzi (nach 1380) und der Capella Pazzi von Brunellesco, dieser

architektonischen Erstgeburt der Renaissance. dem Probebau und Modell des neuen

Stils (um 1410) liegt eine gar kurze Spanne Zeit. Mit dem außerordentlichen constructiven

Können eines Benci di Clone und Simone di Francesco Talenti, wie es sich an den

Pfeilern und Wölbungen jener kühnen Halle kundgibt, haue man noch gut über ein

Jahrhundert hinaus fortbauen können. Aber die Renaissance hatte Eile; Brunellesco,

Donatello, Leon Battista Alberti konnten es kaum erwarten, ihre Studienergebnisse in

ihrer Horentinischen Heimat zu verwerthen, und Michelozzi, Benedetto da Majann,

Cronaca folgten ihnen sofort nach.

Brunellesco ist der eigentliche Flügelmann und Stilbegrunder der neuen Epoche.

Er war 26 bis 2.8 Jahre alt, als er mit Donatello seine erste Studienreise nach Rom

antrat; als frühester RenaissancerArchitekt, mit den deutlich vorgezeichneten Grundzügen

des neuen Stils in Kopf und Hand, trat er nicht eher als circa 141.0, also in seinem

43. Lebensjahre hervor. Von da ab bis zu seinem Todesjahre (1446) war es ihm noch

durch 16 Jahre vergönnt, als Architekt zu schaffen und von einem Bau zum anderen die

junge Renaissance, die zunachst seinen ganz persönlichen Stempel trug, weiter auszubilden.

Die Aufgabe stellte sich hiebei für ihn und seine nachsten Genossen und Nachfolger

 ganz eigenartig. Er und die Seinen standen doch inmitten einer historisch, ja

local bedingten Existenz; die vorhandenen Baurypen mussten in ihrem wesentlichen

Charakter beibehalten werden, nur sollte dieser Charakter einen anderen und neuen

formalen Ausdruck erhalten. Jene Bautypen waren die Kirche mit der Sacristei; der

Chiostro oder klösterliche Kreuzgang; der Palast mit seinem Hofe. Für jede der genannten

 Baugattungen stellte sich das Problem anders bezüglich der Anwendung der

antiken Formen und der Abrechnung mit dem geschichtlich vorgezeichneten Typus. Wie

Brunellesco und seine Fach- und Gesinnungsgenossen das Thema von einem Exempel

zum andern auffassten und lösten und die gegebenen Bautypen im Renaissancegeiste

reformirten, ohne noch ihre innere Wesenheit anzutasten, suchte der Vortrag im Einzelnen

 nachzuweisen; die naheren Ausführungen entziehen sich der Wiedergabe in einem

allgemeinen Auszuge. iZwei große Dingen, sagt Vasari, iiti-ug Filippo Brunellesco von

Anbeginn in sich: Die Wiedererweckung der guten Baukunst und die Ausführung des

Kuppelbaues des Domes von St. Mafia del GOTBJ Es lag selbstverständlich auch im

Rahmen des Vortrages, zu erörtern, in wie weit diese beiden Intentionen innerlich

zusammenhängen. Die weitere Darlegung gelangte zu detn Ergebnisse, dass die Domkuppel

 von Florenz mehr zum Beschlusse der Gothik als zum Beginne der Renaissance

gehöre. Brunellesco führte die kühnste und genialste gothische Kuppel aus, deren Ermöglichung

 aber weit über das überlieferte Constructionsvermogen der Gothik hinausreichte.

Die junge Renaissance vollführte da ihr struetives Meisterstück an einer noch wesentlich

gothischen Aufgabe.
            
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