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MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1874 / 100)

zo. August 1870 ist daher das Zeichnen mit vollem Rechte als Lehrgegenstand

 vorgeschrieben. In den gleichzeitigen Verordnungen über Lehrerbildung

 findet man wieder das Zeichnen als ordentlichen Unterrichtsgegenstand

 eingeführt. Selbst unter den Lehrern an eigentlichen Gymnasien

gibt es gegenwärtig nicht wenige, welche wünschen, dass das Zeichnen

dort ordentlich gelehrt würde.

Nichts desto weniger stösst die Einführung des Zeichenunterrichtes

als ordentlichen Lehrgegenstand auf mancherlei Widerstand. Die Bedenken,

 welche sich gegen den Zeichenunterricht erheben, stammen meist

daher, dass man glaubt, der Zeichenunterricht sei nur für angehende

Künstler nöthig und erwecke in der Jugend unzeitliche Gelüste nach

einer künstlerischen Laufbahn, wodurch die Phantasie der Jugend erhitzt

und von dem Ernste des eigentlichen Lernens abgeführt wird, während

es sich doch nur in erster Linie um das Erwerben von bestimmten

Fertigkeiten der Hand und des Auges handelt.

Bedenken anderer Art gegen den Zeichenunterricht kommen daher,

dass es Lehrer gibt, welche nicht im Stande sind, methodisch die Fertigkeit

 des Zeichnens zu lehren, die in dem Wahne sich beünden, sie seien

etwa schon in der Volksschule oder in der Unterrealschule berufen, nach

ihren subjectiven Anschauungen das Künstlerische in dem Gemüthe der

Jugend zu pflegen, die selbst künstlerisch halbgebildet oder verbildet,

dasjenige lehren wollen, was sie selbst nicht üben können, oder das der

Jugend mittheilen, was sie unglücklicher Weise selbst in der Kunst üben.

Und leider hat die ältere österreichische Unterrichtsverwaltung durch

[die Art und Weise, wie die Lehrerstellen besetzt worden sind. nicht

wenig dazu beigetragen, Bedenken gegen die Einführung des Zeichen-Unterrichtes

 wach zu rufen. _

Alle diese Bedenken hingegen verschwinden, wenn man auf den

ersten Stufen des Zeichenunterrichtes das Zeichnen in erster Linie als

Fertigkeit aufgefasst, die nach einer richtigen Methode gelehrt wird, und

zwar in jener Weise, welche den pädagogischen Zweck einer Lehranstalt

 nicht hemmt, sondern fördert. Und da sich die Ueberzeugung

immer mehr und mehr verbreitet, dass dies möglich und im pädagogischen

Sinne auch durchführbar sei, so gewinnt die Ansicht, welche den Zeichenunterricht

 zu einem allgemeinen Lehrgegenstand erheben will, in den verschiedensten

 Lebenskreisen an Boden.

Die Fertigkeit im Zeichnen ist eine Fertigkeit "wie die des Schreibens,

ja, das Schreiben selbst ist, möchte ich sagen, eine junge frei gewordene

Tochter der uralten Zeichenkunst. Denn das älteste Zeichnen und die

älteste Schrift war ein Bilderzeicbnen und eine Bilderschrift; erst später

und in Folge eines langsamen und in seiner Art wunderbaren Geistesprocesses

 hat das Schreiben aufgehört ein Bilderzeicbnen zu sein, und ist

die Buchstabenschrift geworden. Durch den Unterricht im Schreiben erwerben

 wir die Fertigkeit, unsere Gedanken sicher und rasch ganz unbe-
            
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