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MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1874 / 105)

örtern, in welchem Verhältnisse Schönheit und Naturwahrheit zu einander

stehen, bis zu welchen Grenzen die letztere gehen darf, um gegen erstere

nicht zu verstossen.

Wer bei Betrachtung belebter Wesen sich die Frage vorgelegt hat,

worin wohl das Hauptmerkmal, der eigenartige Reiz des Lebens liege, der

wird sich sagen müssen, dass es allein die Bewegung - nicht Ortsbewegung-

 Bewegung im weitesten Sinne des Worts ist. An jedem belebten

Geschöpfe, auch wenn es scheinbar in vollkommener Ruhe sich befindet,

spielt sich fortwährend eine Reihe von Bewegungserscheinungen ab, die,

so lange der Körper lebt, nicht unterbrochen wird.

Es ist nun Sgche des Künstlers, diese unendlich vielfältigen äusseren

Merkmale des Lebens aufzufassen und verstehen zu lernen. Naturgemäss

ist der Künstler an die Beobachtung des Lebens selbst gewiesen. Ein

genaues Eingehen auf die Lebenserscheinungen führt ihn übrigens auf den

nothwendigen Zusammenhang zwischen Wirkung und Ursache -- und soll

ein Verständniss des Beobachteten ihm klar werden, so sucht er dem

vwarumu auf die Spur zu kommen, er forscht nach den veranlassenden

Momenten.

Wenn eine feine Naturbeobachtung schon dem Blumen- und Landschaftsmaler

 nothwendiges Bedürfniss ist, so wird sie für den Thiermaler

zu einem gründlichen und umfangreichen Studium. Seine Aufgabe, belebte

mit freier Bewegung begabte Wesen darzustellen, ist eine viel schwierigere '

- denn es ist stets nur ein einziger Augenblick der immer veränderlichen

Natur, den er uns vorführen kann. Viele Bedingungen wirken zusammen,

die bedeutendste Aufgabe der Kunst, die Darstellung des menschlichen ,

Körpers in diesem Sinne auch zur schwierigsten zu machen. Es liegt dies

theils in uns, theils ausser uns; in uns, insoferne wir an die Darstellung

des schönsten und vollkommensten aller Geschöpfe auch die höchsten Anforderungen

 in Bezug auf Schönheit und Naturwahrheit stellen, ausser

uns, insoferne an dem menschlichen Körper unendlich viel mehr äussere

Momente, Erscheinungen des Lebens, die der Künster auffassen, verstehen

und bilden lernen soll, sich darbieten, als bei irgend einem andern organischen

 Wesen.

Ich will versuchen, Ihnen in der heutigen Vorlesung auseinanderzusetzen,

 wie der Künstler auf Grundlage anatomischer Kenntnisse, geleitet

von einem richtigen Verständnisse der Erscheinungen des Lebens, zu einer

vollendeten Darstellung der menschlichen Gestalt geführt werden soll.

Zu diesem Zwecke müssen wir uns vorerst klar machen, welchen

Standpunkt der Künstler in Bezug auf die Anatomie einnehmen soll. Um

diesen Standpunkt gleich von einer concreten Seite betrachten zu können,

bitte ich Sie, mir zunächst bei einigen rein anatomischen Auseinandersetzungen,

 die Ihnen die Bedeutung der anatomischen Details für das Verständniss

 der äusseren Form erläutern sollen, Ihre Aufmerksamkeit zu

schenken.
            
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