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Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1874 / 105)

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Iloher Kunstqewarhe - Museen.

Kunstgewerbe-Museen sind eine Erfindung neuester Zeit; sie sind

Hochschulen für alle Industriezweige, welche einen Zusammenhang mit

der Kunst haben.

In polytechnischen Schulen wird der Zusammenhang der Industrie

mit den Wissenschaften, der Mathematik, Mechanik, Physik und Chemie

gelehrt; Zeichnung, wenn selbe nicht geometrisch, ist hier nebensächlich.

Sammlungen, den Museen gewidmet, gab es zu allen Zeiten. Im

Mittelalter wurden alle merkwürdigen und seltenen Dinge gesammelt und

in sogenannten Raritätenkammern vereinigt. Neben einem rohen Elephantenzahn

 stand eine Rüstung, daneben eine künstliche Uhr oder seltene

 Missgeburt, auf welche ein Gemälde eines berühmten Künstlers folgte,

dann eingelegte Holztafeln und I-lirschgeweihe, die Jagdbeute eines hohen

Herrn u. s. w. Ueberreste von dieser Gattung sind in Wien noch die

Ambrasersammlung und die kaiserliche Schatzkammer.

Gegen Ende des vorigen und zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts

 wollte nicht blos die Neugierde, sondern auch der Verstand befriedigt

 werden und man ling an, die Gegenstände zu sondern und

wissenschaftlich zu ordnen. Es entstanden Gemälde- und Kupfer-stich-Galerien,

 geordnet nach Kunstschulen; mineralogische, botanische und

geologische Cabinete, geordnet nach Classen, Genus und Species; Antikenund

 Münzcabinete, geordnet nach Zeiten und Ländern; WaEensammlungen

 u. s. w.

Alle diese Sammlungen hiess man Museen; sie waren schön, angenehm

 und lehrreich für das Auge, und der Beschauer konnte lernen,

wenn er vorbereitet war, sie selbst aber waren passiv - sie liessen sich,

eben in ihrer Aufstellung besehen.

Da fühlte "gegen die Mitte dieses Jahrhunderts England, dass, seiner

Industrie trotz aller mechanischen und technischen Vollkommenheit die

wahrhaft geschickte Verbindung mit der Kunst, der eigentliche. Geschmack

fehle, und im Interesse seines Handels versuchte es abzuhelfen. Es veranstaltete

 die erste Weltausstellung und liess die, Erzeugnisse aller Länder

zu sich kommen, damit die für die Industrie wichtigsten Leute, die Werkmeister,

 Gesellen und Arbeiter, denen die Mittel mangeln zu reisen und

Fremdes zu sehen, Gelegenheit fänden zu lernen. Die Folge dieser ersten

Ausstellung war die Beantwortung von Fragen durch preisgekrönte Aufsätze

 und später die Errichtung des Kensington-Museums.

Dieses Museum war nicht passiv, wie die früheren, sondern wirkte

so erfolgreich und iivohlthätig auf die englische Industrie ein, dass diese

ihm grösstentheils ihren gegenwärtigen hohen Stand verdankt, welcher

sie in den meisten Zweigen der französischen gleichstellt, in einigen diese

übertreffen lässt.

Das Kensington-Museurn wurde mit ähnlichem, Erfolg durch das

Wiener und Moskauer nachgeahmt, und es ist daher angezeigt, den Cha-
            
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