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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1877 / 137)

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den Darstellungen ungemein viel Leben geben. Die einen dieser Tafeln 
sind einfach blassroth gebrannt, die anderen leicht glasirt, d. h. die er- 
stere Terracotta, die andere Steingut, alle unmittelbare Erzeugnisse der 
Künstlerhand, wirkliche Originalarbeiten. Der Inhalt ist durchweg biblischen 
Stoffen entnommen, und zwar jenen einfachen, welchen Kunst und Ge- 
schichte eine Popularität gegeben haben, die jede Interpretation über- 
flüssig macht. Da ist Christus und die Kindlein, der Kindermord zu Bet- 
lehem, Judas den Verrätherlohn den Priestern hinwerfend; da ist das 
Abendmahl in ergreifender neuer Form und doch frei von aller Gesucht- 
lheit, alles zugleich auf den kleinen Maßstab berechnet, so dass gewisse 
Details ganz ausgeschlossen sind, auf die Hauptwirkung aber der Nach- 
druck gelegt und das Modellirholz allein als Werkzeug festgehalten ist. 
Vielleicht könnte man denken, dass die Wirkung dieser Tinworth'schen 
Bilder in ihrer Kleinheit und dem Reiz der Handskizze liege, jenem Cachet, 
welchem wir willig die Details erlassen, um sie durch die Phantasie zu 
ersetzen. Gleichsam um diesem Zweifel zu begegnen, der übrigens schon 
durch die Paneele der oben erwähnten Kanzel widerlegt sein würde, hat 
uns Tinworth noch zwei grössere Darstellungen, ebenfalls in der er; 
wähnten Form des Freireliefs vorgeführt, von denen ich dem Leser einiges 
sagen muss. 
Es sind zwei in Terracotta ausgeführte Bilder von etwa 30 Zoll 
Länge und 15 Zoll Höhe innerhalb der ebenfalls thönernen Umrahmung, 
das eine die Gefangennehmung Christi, das andere eine Scene unter dem 
Kreuz vorstellend. (Wie ich höre, bilden die beiden die Seitenpendants 
zu einem Mittelstück von hohem Format, welches die Kreuzabnahme zum 
Gegenstand hat.) In der Gefangennehmung steht Christus nahe der Mitte 
rechts, hoch aufgerichtet, voll Würde und doch frei von Stolz, sich gleich- 
sam darbietend, um den Kampf, den die Jünger hinter und neben ihm 
mit den Häschern begonnen, zu endigen. Von der linken Seite her dringen 
Priester und Kriegsknechte, von Judas geführt, heran. In den Bewegungen, 
dem Vorbeugen des Oberkörpers bei den einen und wieder dem Zurück- 
prallen bei anderen findet das Entdecken des Gesuchten vollen und be- 
deutenden Ausdruck. Rechts am Rande des Bildes ebenfalls ein Suchender, 
wodurch die Umzingelung deutlich wird; hinter ihm Malchus. Ganz im 
Vordergrund, der weit herausgebaut ist, sehen wir vier römische Sol- 
daten, mit Helm und Schild, niedergeworfen, wir wissen nicht, ob im 
Handgernenge, ob durch den Schrecken vor der Hoheit der Erscheinung. 
Sie erinnern an die auf manchen Renaissancebildern vorkommenden Grabes- 
wächter, welche schreckvoll vor dem Auferstandenen zurück- und zu Boden 
stürzen. Am oberen Bildrand ragen die Oelbäume hervor und verursachen 
eine tiefe Schattenwirkung über den Köpfen und hinter den Figuren, wo- 
durch das Nächtliche der Scene wirkungsvoll der Empnndung mitge- 
theilt wird.
	        

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