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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1877 / 137)

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Noch weit packender als diese Composition ist die andere. Es ist 
der Abend oder die Nacht nach der Kreuzigung. Die Scene spielt am 
Fusse der drei Kreuze, von denen die Stämme und Fussstützen schauer- 
lich sichtbar sind. Rechts drängen sich Neugierige heran, nach oben star- 
rend, Lampen in die Höhe haltend, die einen höhnend, andere verwün- 
schend, dazwischen die Wächter mit ihren Eisenhauben; ganz auf der 
rechten Ecke sitzt, ungeduldig hinaufschauend, der wartende Todtengräber 
mit der Schaufel, auch zur Executionsmannschaft gehörig, wie sein Panzer 
zeigt. Ganz links von der Seite treten einige Jünger heran. Johannes, zu 
dessen Füssen eine weibliche Gestalt schluchzend zusammengebrochen ist, 
kann seinen Schmerz nicht verbergen, die anderen aber halten ihn zurück 
und mahnen ihn, denn das OHenbaren des Schmerzes ist gefährlich, ist 
Revolte; schon spricht einer der Zuschauer auf ihn hindeutend, mit dem 
Wächter, der am Fusse des Kreuzes lehnt. Nun aber die Mitte, ebenfalls 
wieder weit herausgebaut in den Vorgrund, die Krone des meisterhaften 
Werkes; da sind die Kriegsknechte, welche 11m die Habe des Gerichteten 
würfeln. Sie sitzen auf Steinen, die beim Auswerfen der Kreuzgrube zum 
Vorschein gekommen sein mögen. Die beiden vordersten haben einen Schild 
hauf die Knie genommen und auf diesen stürzt eben der dritte der Lesenden 
den Würfelbecher um. Die Blicke sind voll Leidenschaft auf die rollenden 
Würfel gerichtet; der eine hält eine Lampe näher hin, um zu leuchten, 
ein Knabe blickt neugierig zwischen zweien der Spielenden durch. Zwei 
Bursche im Mittelgrund zur Linken betrachten und beleuchten das zu 
verloosende Gewand, gegenüber tastet einer in den Essigkrug. Und das 
alles ist so in einandercomponirt, dass das Gedränge, das summende Ge- 
murmel der Menge, mit einem Wort die Naturalistik der Scene ebenso- 
wohl packend auf den Zuschauer wirkt, als die Absichtlichkeit der Einzel- 
heiten zurücktritt vor der grossen seelischen Wirkung üncl künstlerischen 
Höhe des ganzen Werkes. Man hat das Gefühl, als könne neben uns 
eine Gestalt treten mit den langen geringelten Locken und dem milden 
festen Blick, Albrecht Dürer, der wohlgefällig des engländischen Thon- 
bildners Werk beschaute. Und dennoch trägt sich dasselbe nicht entfernt 
als ein künstlich ins Mittelalter zurückgeschraubtes Product vor. Es weist 
nicht, wie l-leyden im Wort uWort der Fraun treffend schilt, "mit dürrem 
Finger zurück in die Vergangenheitß, sondern es ist ein echtes Werk un- 
serer Tage. Es ist hervorgegangen aus dem gewonnenen Verständniss der 
verflossenen Kunstbllite wie der dem Werke zu Grunde liegenden Technik 
und ent sprossen einem grossen, begnadeten Talent. Wir fühlen, es sei 
möglich, dass die schlummernden Kräfte geweckt werden können und dass 
wir uns an Goethe's trostreichen Zuruf halten dürfen: 
Doch erfrischet neue Lieder, 
Steht nicht länger tief gebeugt, 
Denn der Boden zeugt sie wieder, 
Wie er sie von je gezeugt.
	        

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