Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe III (1888 / 3)

sance der Künste erlebt, welche es auf Glanz und Pracht abgesehen

hatte und sich noch einer gewissen Freiheit in der Zeichnung erfreute.

Jene Zeit der Versteifung und Erstarrung sollte erst kommen, da mit

ängstlichem Gebote derselbe Gegenstand nur so und nicht anders gemalt

werden durfte, da die Kirche jede Bewegung, jede Falte, jeden Pinselstrich

 verschrieb, da die Menschen auf den Bildern, ausgestopfte Puppen,

Gehen und Stehen verlernten.

Dieses Sterben der byzantinischen Kunst war aber noch nicht eingetreten,

 als jene byzantinischen Künstler nach Deutschland kamen.

Doch was sie mitbrachten, war mehr die Technik der Kleinkünste, als

die Malerei im Großen, daher, so scheint es, sie in dieser Beziehung für

die Wandverzierung der Kirche sehr wenig Einfluss übten. Allerdings

sind kirchliche Wandgemälde aus dieser Epoche weder in Byzanz noch

im Abendlande erhalten, und wir können daher nur vermuthen und

schließen, ohne zu beweisen. Der byzantinische Einfluss ist deshalb auch

immer ein Streitpunkt unter den Kunstgelehrten gewesen.

Sicherlich machten sich auch andere Einflüsse im sogenannten

romanischen Stile geltend, der nun der karolingischen Epoche folgt. Zu

dem, was etwa von absonderlicher Thier- und Menschenbildung noch

aus antiken Reminiscenzen übrig war, hat der Norden sein phantastisches

Element gebracht und die Ornamentik mit fabelhaften, widersinnigen

Thierbildungen und mit Gestalten, die halb Thier, halb Mensch sind,

bevölkert. Die Mönche scheinen an ihnen ein besonderes Gefallen gefunden

zu haben, wie aus den zürnendeu Worten zu schließen, welche der heilige

 Bernhard gegen diesen Schmuck der Klöster richtete: Was sollen

diese Ungeheuer und hässlichen Missgestalten? was diese unsauberen Affen?

was die wilden Löwen und die abenteuerlichen Centauren? was die Halbmenschen

 und die gefleckten Tiger? die kämpfenden Krieger und die

blasenden Jäger? Man sieht, sagt er, viele Körper unter einem Kopf und

einen Körper mit vielen Köpfen, Vierflißler mit Schlangenschwanz, Fische

mit dem Kopfe eines _Vierfüßlers, Bestien, die vorne ein Pferd, hinten

eine Ziege vorstellen oder umgekehrt.

Ohne Zweifel war dieses Element vorzugsweise der germanischen

Phantasie des Nordens entsprungen und seinem Ursprunge nach auch

ohne alle symbolische Bedeutung. Jetzt aber in dieser Epoche, da ein

neues symbolisches System entstand, ausführlicher und bestimmter als

früher, wurden auch_diese Ausgeburten der Phantasie in die Symbolik

einbezogen und ihnen allerlei Bedeutung untergelegt.

Ich sage, es entstand ein förmliches System bildlicher Symbolik,

das alle Bilderkreise der christlichen Kirche umfasste und von der heutigen

 Archäologie als eine Art Wissenschaft mit dem Namen Typologie

bezeichnet wird. Im Mittelpunkt dieser Bilderkreise stehen die Scenen

des neuen Testamentes; auf sie werden alle Bilder und Begebenheiten

des alten Testamentes bezogen, so dass diese ihre eigene Bedeutung
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.