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MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe III (1888 / 4)

(ä

vollendet. Er hat seine Gestalten nicht dem Leben entzogen; sie sind so

voll Lebenskraft und Lebensfülle, wie irgend andere. Aber er hat sie in

das ldeal erhoben, d. h. er hat sie jeder Zeitlichkeit und Oertlichkeit

entkleidet und hat sie zu den vollkommensten Typen dessen gemacht,

was sie sein und sagen sollen. So hat er auch der Kirche, nicht die

frömmsten, nicht die heiligsten, aber die göttlichsten Gestalten geschaffen.

Nicht das Gleiche kann man von Michelangelo sagen. Während

für Rafael die kirchlichen Gegenstände immer noch kirchliche, die heiligen

 Geschichten heilige sind, ist wohl Michelangelo mit aller Kirchl

lichkeit fertig und die Kunst ganz allein sein Ziel. Und in dieser Kunst

wiederum ist es die Darstellung des Menschen, man möchte fast sagen,

des anatomischen Menschen, worin er jene weltliche Richtung, welche

die italienische Kunst seit Giotto eingeschlagen hat, zum Abschluss

bringt. Allerdings ist es bei Michelangelo nicht so einfach die Darstellung

des Menschen, sondern des Menschen erfüllt von höchster Kraft, von

tiefster Leidenschaft, ebenso von der Gewalt des Geistes wie des Körpers,

und darin liegt auch ein ideales Element. Aber kirchlich, christlich,

fromm oder heilig sind weder die Sybillen und Propheten noch Gott

Vater selbst auf der Decke der sistinischen Capelle, noch ist es Christus

mit allen Seligen auf dem Jüngsten Gericht. Während der Heiland wie

ein Jupiter tonans erscheint, der strafend seine Blitze schleudert, macht

die Fülle der nackten Gestalten auf diesem gewaltigen Bilde doch vor

allem andern den Eindruck, als wollte der Künstler einzig seine außerordentliche

 Kenntniss der Menschengestalt und seine Stärke in der Dar,

stellung der mannigfachsten Bewegungen und der kühnsten Verkürzungen

zeigen. Wie immer man das Werk bewundere, der Eindruck ist und

bleibt ein weltlicher, kein kirchlicher.

Und wie hier Michelangelo ein rein und einzig künstlerisches Ziel

verfolgt, so ist es auch mit den Venetianern dieser Zeit, nur dass der

Weg, das Mittel anders ist. Wenn Tintoretto noch ganze Wände und

Plafonds mit seinen Bildern bedeckt, so denkt er wohl am wenigsten

daran, einen religiösen Eindruck zu machen. Die Aufgabe, die er sich

stellt, gehört rein der Kunst, und wie diejenige Michelangelds in der

Vollkommenheit der Zeichnung, in der Größe der menschlichen Gestalt

besteht, so diejenige Tintorettds in der malerischen und coloristischen

Wirkung, und er arbeitet hier mit den Contrasten -der Licht- und

Schattenmassen wie der Florentiner mit seinen gewaltigen Leibern.

Und so kam die Kirche seit dem Beginn des sechzehnten Jahrhunderts

 in dem Fortgange der Renaissance unleugbar immer mehr zu

Schaden, wenn auch noch einzelne Künstler, namentlich im Anfange,

wie z. B. Luini, die Tiefe der Empfindnng mit der Schönheit der. Ge-.

stalten zu vereinen trachteten. Die weltliche Kunst hatte sich nicht blos

ein neues und großes Gebiet erobert, sie herrschte auch im lnnernder

kirchlichen Kunst. Und dies wurde auch nicht viel anders, als in der
            
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