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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe III (1888 / 12)

Neu ausgestellt. Persischer Gebetteppich; Tisch und Aufsatzkasten in Boulearbeit, 
französisch um 1700, Eigenthum des Herrn Th. Bindtner (Saal IV); Collection älterer 
und neuerer Glaser (Saal III); Cruciüx in Holz geschnitzt, t7. Jahrh. (Saal VIII). - 
Die' Winterausstellung des Kunstgewerbe-Vereines wurde Sonntag den 25. November 
eröffnet. 
Besuch des Museums. Die Sammlungen des Museums wurden im Monate 
November von 8192, die Bibliothek von 2831:, die Vorlesungen von 1215 Per- 
sonen besucht. 
Vorlesungen. Am 8. November eroEnete Hofrath J. v. Falke den Cyklus der 
Vorlesungen dieses Wintersemesters mit einem Vortrage über aRococns. 
Bei der Bedeutung, welche das Rococo im heutigen praktischen Kunstleben wieder 
zu gewinnen scheint, nahm der Vortrag zum Ziel. klar zu stellen: was ist und bedeutet 
das Rococo, welches sind seine zeitlichen und räumlichen Grenzen, welches ist seine Art 
und seine Ausdehnung in den verschiedenen Kunstzweigen und welches ist in Wirk- 
lichkeit seine Bedeutung für die Gegenwart. Das Wort Roccco ist als Spottwort wahr- 
scheinlich in den Ateliers entstanden und kommt schriftlich erst vor, als die Stilart, 
welche damit bezeichnet wird, bereits vergangen war. Indem das Wort von roc, rocher, 
rocaille sich durch spottische Umbildung ableitet, bezieht es sich vor Allem auf jenes 
Stein- und Muschelwerk, welches die Ornamentik und Decoration der Epoche des Re- 
genten Philipp von Orleans und der ersten l-Ialfte der Regierung Ludwig XV. bezeichnet. 
Es sind damit die Grenzen des Rococo gegeben; es beginnt gegen das Jahr 1720 und 
endet als herrschende Kunstweise um 1750. Damit fallt es mit dem Stil zusammen, 
welchen die Franzosen als den der Regentschaft bezeichnen. Nach seiner künstlerischen 
Art ist das Rococo als der letzte Ausläufer der Barockbewegung zu betrachten, welche von 
Michelangelo ihren Ausgang nimmt. Der nun folgende Stil Louis XV., der mit dem von 
Louis XVI. wesentlich Eines ist, bildet eine erneuerte Erhebung des Classicismus, welche 
ihre Hohe und ihr Ende im Empirestil erreicht. Das Rococo hat seine Hauprwirksam- 
keit nur in der decorativen Kunst und im Kunstgewcrbe gefunden. Es ist nie ein eigentlicher 
Architeltturstil geworden, zumal in Frankreich nicht, viel eher noch auf deutschem 
Boden. - Der Vortrag untersuchte danach Art und Bedeutungdes Rococo in den ein- 
zelnen Zweigen des Kunstgewerbes, von denen der eine mehr der andere weniger die 
eigentlichen Rococoformen zum Ausdruck gebracht hat. Am meisten ist das geschehen 
im Mobiliar und in den Metallarbeiten, weniger in Glas und Faience. Was das Porzellan 
betriift, so ist seine Bedeutung für das Rococo in außerordentlicher Weise überschätzt 
worden. Die Kindheit des Porzellans, die Zeit, da es noch mit Schwierigkeiten aller Art 
zu kämpfen hatte, fallt mit der Bluthezeit des Rococo zusammen. Alsdann erst bildete 
es seine eigene Weise aus, die man als den Rococostil des Porzellans bezeichnen kann. 
Um das Jahr t75o erschienen bereits in Paris Ornamentcompositionen, welche ganz frei 
vorn Rococo waren. Damals war es, dass Madame de Pompadour und ihre künstlerischen 
Freunde auf Grund erneuerter Vorliebe des classischen Alterthums und neuer Ent- 
deckungen auf diesem Gebiete den eigentlichen Stil Louis XV. schufen. Das Rococo 
lebte sich rasch aus, versuchte unter der Restauration noch einmal sich zu einem Zeit-i 
stil zu machen, jedoch umsonst, und starb um die Mitte unseres Jahrhunderts vollig aus. 
Trotzdem droht es nun mit Wiederkehr, wird aber wohl so rasch wieder von dannen 
gehen, als es sich erneuert gezeigt hat. 
Literatur - Bericht. 
L'Art de bätir sa maison. Par J. Boussard. Paris. 8". 468 S. Mit 
Abbildungen. 
Der Verfasser, Architekt in Paris, stellt sich in Opposition gegen das moderne 
französische Haus, welches er als geschichtlich aus den Zuständen des Mittelalters her- 
vorgegangen, mit vielen Gebrechen behaftet findet: irrationell in der Anlage, ohne Rück- 
sicht auf Gesundheit, unschon in der Ausstattung. Sein Ziel ist ein Haus zu schaffen, 
welches, in allen Beziehungen rationell gebaut, dem Bewohner einen ebenso gesunden 
wie angenehmen, für alle Bedürfnisse des Lebens bequemen Aufenthalt bietet. Ein 
solches Haus zu schufen, geht er über das Mittelalter hinaus und findet das Vorbild im 
gallo-romischen Hause seit der Zeit, dass die römische Herrschaft Gallien zu einer hoch- 
gebildeten Stätte der antiken Cultur gemacht hatte, bis zur Vernichtung dieser Cultur 
durch die eindringenden und erobernden Germanen, also vom zweiten bis zum vierten
	        

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