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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1877 / 136)

Gestalten, denen die Gedankenarbeit so zu sagen an die Stirne geschrieben 
ist; aber sie ist linkisch und ungraziös in ihren Bewegungen. Daher muss 
der Deutsche zur plastischen Kunst erzogen werden und daher kommt 
auch verhältnissmässig selten unter den Deutschen ein bildhauerisches Ta- 
lent zum Durchbruch. Auch der Oesterreicher, speciell der Wiener, san- 
guinisch wie er ist, für Farbenwirkung, für Musik und Lyrik sehr em- 
pfänglich, warm in Allem was er fühlt, und weniger an Gedankenarbeit 
gewöhnt, muss daher zum Verständniss der Plastik erzogen werden. Erst 
in dem letzten Jahrzehnt sind ernsthafte Schritte geschehen, die Plastik zu 
heben; denn die Zeit der Regierung des Kaisers Franz hat wenig gethan 
und konnte auch, nach dem ganzen Regierungssystem, wenig thun, diese 
Kunst an der Akademie zu heben. Das Einzige, was auf dem Gebiete 
der Plastik wirklich geleistet wurde, das sind die Aufträge, die den Zög- 
lingen der Akademie der bildenden Künste, welche mit den Kaiserpreisen 
ausgezeichnet wurden, ertheilt wurden, nämlich die Ausführung von 
Gruppen in Marmor während der Zeit ihres Aufenthaltes in Rom in 
den Ateliers des Palazzo di Venezia, dem österreichischen Botschaftshötel. 
Diese Figuren sind auch fast die einzigen Werke in Marmor, welche sich 
im Besitze des kaiserlichen Hofes, speciell in der kaiserlichen Galerie im 
Belvedere behnden. Der Gedanke, WClClICY diesen Aufträgen zu Grunde 
lag, war gewiss ein richtiger und hat sich in der Praxis auch vollständig 
bewährt. Die Gruppen, die auf diesem Wege entstanden sind, der v-Jasonw 
von Kaessmann, "Mars, Venus und Amoru von Kiesling, die vPietaK von 
Bauer sind achtbare Werke, welche der österreichischen Bildhauerkunst 
zur Ehre gereichen und denen man ansieht, dass sie in der geistigen At- 
mosphäre Roms, der Marmormuseen des Vatican und der zahlreichen 
Bildhauerateliers, unter denen damals jene Canova": und Thorwaldsen's 
den ersten Rangeinnahmen, entstanden sind. Was man bedauern konnte, 
war nur die Sparsamkeit, rnit der man solche Aufträge ertheilte und der 
Umstand, dass die Künstler, die man auf diesem Wege - und dieser 
Weg war, wie gesagt, der richtige - gebildet hatte, dann sich selbst 
überliess, wenn sie in die Heimat zurückgekehrt waren. Sie hatten in Rom 
Tüchtiges gelernt und vollgiltige Proben ihrer Leistungsfähigkeit abgelegt; 
sie hatten ihre Anschauungen geläutert und ihren Geist mit den Idealen 
erfüllt, die nirgendwo eine kräftigere Nahrung empfangen konnten, als auf 
dem geweihten Boden des alten Rom. Sie kamen in den Jahren zurück, 
in denen der ideale Drang der Jugend mit der männlichen Thatkraft sich 
verbindet und fanden sich bald enttäuscht und ernüchtert in den Verhält- 
nissen, welche sie vorfanden und die zu Allem eher geeignet waren, als 
zur Förderung der Plastik. Das Höchste, was in damaligen Zeiten ein 
solcher Künstler erreichen konnte und was die meisten auch erreicht 
haben, war die Stelle eines Correctors oder später eines Professors an 
der Akademie der bildenden Künste. Sie wurden auf diese Weise Glieder 
einer Beamtenhierarchie, welcher die Lehrthätigkeit zugewiesen war und
	        

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