Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1877 / 136)

._1q_

hat '), sind erfolglos geblieben, und sind im Drange der Geschäfte und

Zeiten achtungsvoll bei Seite gelegt worden. Allerdings sind die Umstände

 für Anträge ähnlicher Art nicht sehr geeignet. Was aber gewiss

geeignet ist und durch den Gegenstand der heutigen Besprechung gerechtfertigt

 wird, das ist ein Mahnruf an die Zukunft, die Aufforderung an

jene, denen das Gedeihen der Blüthe der akademischen Jugend, und das

sind gewiss die mit Kaiserpreisen ausgezeichneten Zöglinge, am Herzen

liegt. Möchten diese Worte nicht erfolglos verklingen! Da so selten Marmorwerke

 im öffentlichen Auftrage gemacht wurden, so hatte auch die

vornehme Welt keine Aufforderung zu Marmorwerken; in keiner Grossstadt

 befinden sich so wenig Marmorwerke in den Salons der Reichen

oder in den Sammlungen der K-unstfreunde. Die Plastik ist eben ein Stiefkind

 der Vornehmen Wiens. Den Bildhauern der damaligen Zeit fehlten

daher Aufträge und Bestellungen, um eine einigermassen erfreuliche Thätigkeit

 zu entfalten. Aber woher sollten diese kommen in einer Zeit, in

welcher alle geistigen Kräfte des Volkes und des Staates bevormundet

wurden und in der selbst diejenigen, welche aus Liebe zur Kunst oder

aus patriotischen oder aus persönlichen Interessen plastische Werke bestellen

 wollten, es nicht durften, und diejenigen, welche es durften, nicht

konnten? Es ist gewiss einer der fruchtbarsten Sätze, welche Winckelmann

 in seiner unübertroffenen "Geschichte der Kunst des Alterthumstausgesprochen

 hat, wenn er sagt, dass die politische Freiheit Griechenlands

 beigetragen hat, speciell zur glänzenden Entfaltung der Plastik. Diesen

 Satz muss jede lebensfähige politische Partei als richtig anerkennen,

der Conservative wie der Liberale; nur eine Regierungsform ist der Kunst

und der Plastik absolut schädlich, es ist das System der polizeilichen Bevormundung,

 und gerade dieses System war es, was Oesterreich bis zum

Jahre 1848 beherrscht hat und zwar mit immer steigender Consequenz,

denn die Bildhauerkunst ist eben eine Denkmalskunst; sie ist als solche

berufen das Andenken derjenigen in dauernder Weise festzuhalten, die

sich für die Familie und die Gemeinde, für die Kirche und für den Staat,

für das Volk oder für die Dynastie hervorragende Verdienste erworben

haben. Sie wurzelt daher gleichmässig im Gefühle wie im Gedanken und

appellirt nicht minder an das eine wie an das andere. Sie setzt Interessen

voraus, welche ihre Vertretung und Verkörperung verlangen, und sie wird

getödtet in dem Augenblicke, wo es nicht gestattet ist, diese Interessen

auszusprechen und das Volk und die verschiedenen Classen der Gesellschaft

 zum Schweigen verurtheilt sind. Selbst eine despotische Regierung,

das, was die Griechen mit dem Ausdruck der Tyrannis bezeichnet haben,

sobald sie auf eine selbstbewusste Action ausgeht, ist weniger schädlich

für die Entwicklung der Plastik, als das geistige Bevormundungssystem.

') S. Wiener Abendpost 1873, Nr. 97: wKünstlerbildung in Romm
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.