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MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1877 / 136)

Bei der figuralen Plastik treten überdies noch Schwierigkeiten anderer

Art hervor. Sie sind theilweise durch die allzuweit getriebene Theilung

der Arbeit herbeigeführt, theils liegen sie in der Natur der figuralen

Plastik selbst. In der Renaissance- und Barockzeit war es gewissermassen

 selbstverständlich, dass der Bildhauer jedwede architektonische

und decorative Aufgabe durchzuführen vermochte. Seine Bildung eben

war eine universelle, breit angelegte; sie umfasste das Gebiet des Ornamentes

 nicht minder als das des Figuralen, die Zeichnung nicht minder

als die Architektur. Die Universalität der Bildhauer war eben mit das

Geheirnniss ihres Erfolges. Aus der grossen Zahl der Beispiele führen

wir nur eines, ganz bezeichnendes an, das des Bildhauers Alessandro Vittoria,

 des berühmten Zeitgenossen Tizian's, dessen drei Terracotta-Porträt-Büsten

 jedem Besucher des Museums erinnerlich sind. Die Nennung des

Namens genügt, um die grossen Decorationsarbeiten dieser Zeit, die Scala

d'oro u. s. f. in's Gedächtniss zu rufen. Bei den Lombardis war es ebenso

der Fall, wie später bei Bernini. In unseren Zeiten hingegen ist die

weitgetriebene Theilung der Arbeit ein wirklich grosses Hinderniss des

Fortschrittes in der Plastik; es ist dies in der Wissenschaft nicht minder,

als in der Kunst, wie es unter den Aerzten, unter den Geologen, Philologen

 Specialisten gibt, die in der Einseitigkeit ihrer Fachentwicklung den

Ueberblick über das Ganze und Grosse verloren haben. So verengten sich

auch bei denjenigen, welche die f-igurale Plastik treiben, wie die Gesichtskreise,

 so auch ihre Wirkungssphäre und ihre Lage verschlimmerte sich

insoferne, als sie immer mehr und mehr in die Abhängigkeit der Architekten

 kamen und das Bedürfniss nach selbstständigen plastischen Aufgaben

 überhaupt geringer an der Zahl ist, und in Wien noch mehr als in

irgend einer anderen Großstadt. Das Wiener Publicum hat, wie gesagt,

wenig Verständniss für Plastik; die Porträtbüste wird jetzt erst mit Erfolg

betrieben, nachdem sich einige Bildhauer, insbesondere Tilgner, auf diesem

Gebiete hervorgethan haben. Der Cultus der Gräber, der in Berlin und

München so erfolgreich betrieben wird, ist in den Händen der Steinmetzen

und selten begegnet man auf den Friedhöfen Wiens Werken der figuralen

 Plastik, auf welche das Auge eines Kunstfreundes mit Wohlgefallen

blicken könnte. Es ist dies ein Gebiet, auf das man nicht lebhaft genug

 die Aufmerksamkeit des Publicums lenken kann und es vßlürden die

Väter unserer Stadt sich um die Plastik Wiens gewiss kein geringes Verdienst

 erwerben, wenn sie die Hand dazu böten, die Räume zu schaffen,

die für Aufnahme von monumentalen Grabdenkmälern geeignet sind. Den

lebensfrohen Wienern scheint aber der künstlerische Cultus der Todten

nicht sehr sympathisch zu sein. Denn wir begegnen in den Kirchen eben

so selten Denkmälern wie auf den Friedhöfen, und doch ist zu allen Zeiten

 der Cultus des Grabes mit der Pflege der Bildhauerkunst Hand in

Hand gegangen. So ist die allzuweit getriebene Theilung der Arbeit Hand

in Hand gegangen mit der Entgeistigung des Grabcultus, und es hat sich
            
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