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MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XIII (1878 / 149)

man gar nicht viel zu wissen und dieses wenige gibt er aus der Proportionslehrc von

Mann, Weib und Kind auf 4 Seiten Text und XIV Tafeln - in der jedenfalls sehr löblichen

 Absicht, sein WVerk nicht zu vertheuern. -

Wenn wir schon entgegen dem Herrn Domschlte der Ansicht zuneigen, statt mit

geringem Wissen lasse man das figurale Zeichnen lieber ganz bleiben, so müssen wir

aber vollends die Art verurtheilen, in welcher der langjährige Lehrer hier seine Schüler

unterrichten will. Viel Gutes können diese aus den vorliegenden Tafeln nicht lernen.

Der Text verdirbt wenigstens nichts wegen seiner Kürze, abgesehen von der sonderbaren

Behauptung. dass der Unterschied in der Hüftenbteite zwischen Mann und Weib nur ein

scheinbarer sei. Die angefügten Tabellen mögen in den Maßen wohl im Ganzen richtig

sein, aber sie sind für den Künstler nicht sehr brauchbar, weil nur die absoluten Maße

ohne die Verhältnisszahl zur Gesammtlänge des Körpers oder zu einer von diesem entnommenen

 Maßeinheit angegeben sind. Das Unglaubliche in Zeichnung leistet aber gleich

die erste Tafel mit der Darstellung der Augen. Die lris rechts oben ist wohl ein regelmässig

 ornamentirtes Rund, aber nicht das, was sie sein soll; Thränenwinkel und die

Dicke des Augenlides sind dort gezeichnet in Stellungen, wo sie gar nicht sichtbar sein

können und die Nr. tz-ly zeichnen sich durch, etwa kalligraphisch, manirirte und

durchaus falsche Linien aus, die Jedermann vergeblich in der Natur suchen würde. Was

soll, da uns der Raum zu weiterer Ausführung mangelt, die Einbuchtung bei Nr. 22 auf

Tafel ll? Eben so schlecht sind die Nummern S, u, 18, 23, 36, 38 auf Taf. lll, die Nase,

die Andeutung der Kinnladen auf Taf. VI. Ein erschrecklich verzeichneter Kinderkopf

ist auf Taf. Vll, wie überhaupt die Kinderformen die am meisten verunglückten bei

Herrn Domschke sind. Aber den Frauen ergeht es nicht besser auf Taf. XI. Vielleicht

ist jene Zeichnung mit ihren Abweichungen von Schadow sogar wirklich nach einem

Modelle gemacht, aber dann ist es immerhin misslich, gerade ein solches für das Normale

auszusuchen. Anderenfalls müssten wir es aufrichtig bedauern, wenn die Natur unser

weibliches Schönheitsideal auf der kurzen Strecke von Wien bis Berlin so grausam verunstaltet

 hatte. Zum Belege für die Flüchtigkeit in der Zeichnung beachte man den

linken Fuss der Mittelfigur auf jener Tafel und mehrere Füsse auf Taf. Vlll und IX, an

welchen die grosse Zehe die Lange des halben Vorderftisses haben müsste. Doch ist

es wohl nicht ndthig, aus unserem grossen Vorrathe von nachweisbaren Fehlern in

Domschkek Zeichnungen noch mehrere aufzuzählen, um unsere Warnung vor diesem

Werke zu rechtfertigen. Dessen Zustandekommen in der vorliegenden Gestalt ist uns

nur erklarlich, wenn wir annehmen, dass Herr Domschke bestrebt gewesen sei, seinen

Schülern die Körperformen durch möglichst einfache Linien verständlich zu machen, dass

cr selbst aber im Laufe der Jahre ohne das Re ulative steten eigenen Naturstudiurns unbewusst

 in eine Schablone des Zeichnens gerieth, die von der Natur bereits himmelweit

absteht. Unter den Anfangen der Proporttonslehre, wie er sie bieten will, dürfen doch

nie und nimmer Vorbilder verstanden sein, die ein weiter fortschreitender Schüler nur

mit Mühe und Zeitverlust wieder abstossen muss.

Zeitschrift des Kunstgewerbevereines in Mll nchen. Jahrg. 1877.

München, im Verlage von G. Hirth in Leipzig und München.

Seit der Ausstellung in München 1876 pulsirt in dem dortigen Kunstgewerbevereine

 frischeres Leben. Auch die Zeitschrift ist lebendiger und anregender geworden;

an dem Texte arbeiten mehrere hervorragende Schriftsteller, welche bemüht sind, Belehrung

 über Kunst und Kunstgewerbe in weiteren Kreisen zu verbreiten. Es ist dies

um so anerkennenswerther, als mehrere ahnliche Organe den literarischen Theil bedenklich

 einschränken oder fast ganz aufgeben. Bei der Unlust vieler unserer Künstler

und Kunsthandwerker, ihren Geist durch Lectüre zu bilden, ist dies zu beklagen. -

Unter den Abbildungen finden wir einige sehr schöne, wie Peter Candio's Thürklopfer,

Steinkrüge aus der Fabrik Trechen (1604) und Siegburg etc. Ist aber schon die Art und

Weise bedenklich, wie ein kleiner Stich von Beham vergrössert und in das neubarocke

Münchnerthum übersetzt wurde, so können wir uns nicht bestimmt genug gegen die

meisten Illustrationen (Initialen, Titelblätter etc.) aussprechen. Diese unkindlichen Kinder

mit dicken Bauchen, diese weiblichen Figuren mit fliegenden Gewändern und manirirtem

Cnstüme, deren Vorbilder der Verfallszeit der deutschen Renaissance entnommen sind,

stehen mit den schonen Bestrebungen der Münchener Kunstgewerbeschule in directem

Widerspruch. Es ist wiederholt aufmerksam gemacht worden _,_ dass die modernen deutschen

 Kunstgewerbe, wenn sie unkritisch sich an die Traditionen der deutschen Renaissance

 anlehnen, eine Verschlechterung des Geschmackes herbeiführen würden. Eine

Zeitschrift aber, wie jene des Münchener Kunstgewerbevereines, istnn erster Linie berufen,

Fahrerin des guten Geschmackes zu sein und sich von den manirirten Bestrebungen zu

emancipiren. von denen ein Theil der Münchener Künstler beherrscht wird.

3.
            
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