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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XV (1880 / 180)

Künstlerisch: betrachtet, treten-Idrei Richtungen oder drei Arten be- 
deutungsvoll hervor: das sind die Wiener -Pnachtbä.nde als Vertreter dieses 
ganzen Genre, die Leinwand- oder Calicnbände mit Galdpnessung, das ist 
das populäre Fabricat der Masse und der Messe, und drittens die modernen 
oder modernsten Ledereinbände, die sich bereits an die Motive des 16. Jahr- 
hunderts: wieder anschließen. Hat in den ersten Art" Wien die Führung, 
so ist es in der zweiten Leipzig, in, der dritten Paris. Wir werden sie 
nach einander besprechen und daran zum vierten die heute neu angeregte 
Papierfrage knüpfen. 
Wie schon gelegentlich bemerkt worden, sind die Prachteinbände, 
Decken oder Hüllen oder Cassetten von Adressen und Dijalomen die Nach- 
folger der metallenen oder metallgeschmückten Einbände früherer Zeiten. 
Aber die erstevl-lälfte des 19. Jahrhunderts liegt wie eine großer Kluft 
dazwischen, die Tradition ist zerrissen„ und die heutigen Arbeiten er- 
scheinen wie eine ganz neue Art. Sie sind es ja auch in gewissem Sinne 
ebenso wie ihr lnhalt,_ welcher, wenn auch nicht ohne Beispiel in früheren 
Zeiten„dnch erst in unseren-Tagen den gewissen "ungeahnten Aufschwungs 
genommen hat. Solche Prachteinbände sind daher gefordert, und sie haben 
das Recht der Existenz; Aber was schön sein s0ll"- und sie sollen es ja 
-- muss erst vernünftig sein. ' 
Unsere Ausstellung enthält eine Auswahl des Besten aus jenen hun- 
derten von" Adressen, welche erst in jüngster Zeit dem Allerhöcl-isten 
Kaiserpaare- zur silbernen Hochzeit dargebracht wurden. Es ist in" ihnen 
also nicht bloß derneuesteGeschmack vertreten, sondernj ein Jeder hat 
gewiss sein Bestes zu schaffen gesucht: Das meiste ist Wiener Arbeit, aber 
durchaus nicht Alles; auch die- Hauptstädte der Kronländer haben einen 
Beitrag gestellt. Nehmen wir darum diese Arbeiten als vollgiltige Reprä- 
scntanten ihres Kunstzweiges, so sind wir durchaus" nicht im Irrthunre". 
Kommen wir aus jenem Saale, welcher die älteren Werke der Bltch- 
bihderkunst enthält, zu diesen neuesten Producten, welche in zwei großen 
Glaskästen vereinigt stehen, so springt ein großer Unterschied sofort in 
die Augen. Auf der einen Seite steht die Einfachheit, auf der andern die 
Pracht; auf der einen Seite die Kunst, auf der anderen der Luxus, welcher 
freilich die Kunst" nicht ausschließt. Ein gewisser Reichthum allerdings 
ist hier nicht bloB' erlaubt, sondern geboten: er entspricht dem Zwecke 
des Gegenstandes, der Absicht des Gebers und der Würde" des Empfän- 
gers. Allein der Reichthum muss sich- innerhalb der Grenzen" des Kunst- 
zweiges- halten, DierDecke des Buchhinders,_sei:sie nun in Leder, Samrnt 
oder. Seide, ist die- eigentliche" Hülle dessen„ was, geboten wird; sie: darf 
diesedCharakter nicht-verlieren, nicht zu einem Werke des Bildhauers 
oder des Goldschmiede: werden, das wie zufällig. hier seine Stättecfindet. 
Und hier ist es; rliChti bloßrder Goldschmied und. der Bildhauer; man 
kann sagen„ es gibt kein Kunstgewerbe; keine Kunst; die nicht hier; ihn: 
Anwendung fände. An diesen Einbänden hat der Architekt, der. Maler,
	        

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