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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVII (1882 / 197)

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Diese Lehren, die man überall, wo orientalische und europäische 
Gewebe zusammentrelfen, bestätigt linden wird, konnte man auch leicht 
den Gegenständen in der Ausstellung des Krystallpalastes entnehmen. Das 
Weiß trat überall auf den europäischen Teppichen, wo es gebraucht war, 
stechend hervor. Dann, wenn man eine Stufenfolge in immer weiterer 
Entfernung von der Aechtheit annehmen will, kamen zuerst die Teppiche 
von Smyrna, dann die (wenigen) englischen lmitationen, dann die hol- 
ländischen und die deutschen. Französische wie österreichische Teppiche 
waren überhaupt nicht vorhanden. 
Die zweite der angegebenen Richtungen in der Teppichdecoration, 
die europäische, hat der orientalischen gegenüber wohl gemeinsame Cha- 
rakterzüge; indessen konnte man auch in ihr, nachdem das Auge einmal 
geübt war, schon von ferne zwei Arten unterscheiden, die englische und 
die deutsche. Eine dritte Abart, die heute noch daneben existirt, die fran- 
zösische, war, wie schon angegeben, nicht vertreten. 
Vor zwanzig Jahren zeichnete sich die englische Teppichfabrication 
durch die Rohheit und Buntheit ihrer Farben, sowie durch die Ueber- 
schwänglichkeit ihres naturalistischen Ornaments aus. Von beiden ist heute 
gerade das Gegentheil ein Kennzeichen der Teppiche vornehmster Art in 
England. Die Zeichnung des Details ist oft sehr weit geführt, Blumen und 
Ranken scheinbar naturalistisch und doch regelmäßig angeordnet; aber 
sie sind so gedämpft und gestimmt in den Farben, dass die Gesammt- 
wirkung meist eine sehr bescheidene und selten eine unruhige ist. Eine 
warm grünliche Stimmung in verschiedenen Tönen und Nuancen ist durch- 
aus vorherrschend, was wohl mit dem entsprechenden Geschmack in der 
englischen Wohnung zusammenhängt, der die Möbel von einem dunklen, 
röthlichen Holze liebt und ihnen grüne Wände zum Hintergründe macht. 
Auch braun, aber gleicherweise gedämpft, Endet sich die Stimmung der 
englischen Teppiche. 
In dieser Richtung stimmen die englischen Fabrikanten alle überein: 
Blackwood in Kilmarnock, Lawson in Leeds, Watson in Kidder- 
minster, Yates in Wilton. Selten, dass ein Teppich aus der Art schlägt 
oder nur etwas lebhafter erscheint. Von dieser letzteren Art hatten Hum- 
phries 81 Sons in Kidderminster einen Teppich ausgestellt, der mit reiche- 
ren Farben, mit Roth, Olivengrün, Gelb und Blau, eine lebhaftere Wirkung 
machte; aber er war so glücklich gestimmt, dass er uns der schönste Teppich 
unter allen modernen auf der Ausstellung erschien. Keiner von allen diesen 
Teppichen hatte eine geometrische oder architektonische, plafondartige 
Grundzeichnung. Ein einziger bildete gewissermaßen eine Ausnahme, ein 
Axminster-Teppich, gezeichnet noch vom verstorbenen Architekten Di gb y 
Wyatt, einst dem ersten Vertreter der Renaissance in England. Auch 
dieser Teppich war im Geiste der Renaissance gehalten mit sehr kunst- 
voller Eintheilung. Aber Niemand würde heute noch einen Teppich so 
zeichnen. Man konnte nur die Lehre entnehmen, wie verkehrt es ist, die
	        

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