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MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XI (1876 / 135)

deutschen Stammen spielt und dem der preussische Dünkel den Spottnamen der Phäaken

und Böotier anzubängen beliebte

Das in München zuerst angewendete neue System der Aufstellung und Anordnung

nach dem Principe der künstlerischen Zusammengehörigkeit lindet die volle Anerkennung

des französischen Berichterstatters, der aber ganz richtig bemerkt, dass es nicht consequent

durchgeführt wurde, und deshalb schreibt: i-Nur in den Abtheilungen, die Oesterreich

und Baiern eingeräumt waren, wurde der Plan der Ausstellung durchaus und systematisch

befolgt, während die preussischen Commissare und Aussteller wie immer überzeugt waren,

dass es für sie überflüssig oder unmöglich sei, etwas aus dem wSüdem anzunehmen und

sich widerspänstig zeigten, bis der unbestreitbare Erfolg der Neuerung und die begeisterte

Aufnahme, welche dieselbe bei allen Leuten von Geschmack und Urtheil fand, sie auch

dazu zwang, und sie nöthigte, sich etwas mehr dem allgemeinen Plan und System anzubequemen.

 Es ist endlich wahrhaft merkwürdig, den Ausdruck des Volkscharakters und

den auffälligen Gegensatz zu beobachten, der selbst in der künstlerischen und industriellen

Production zwischen Norddeutschland, insbesondere Preussen, einerseits, und dem Süden,

namentlich aber Oesterreich und dessen glänzender Hauptstadt andererseits obwaltet.

Während die Production der letzteren liebenswürdig und graziös ist und nach Massgabe

der Mittel des Publicums, ja vielleicht auch darüber hinaus, nach Farbenreiehthum, Glanz

und Pracht strebt, sind die Anderen streng, systematisch feindselig gegen Alles, was das

Leben schön, gefällig und angenehm macht, und verliebt in das, was plump, steif und

hart ist. Die Seide, der Sammt, das in allen Farben des Regenbogens spielende und

schimmernde Glas, das Gold in der ganzen Scala seiner Farbenmischungen von leuchtendem

 Purpur bis zum bleichen Gelb -- das ist das ideal Wiens; das Guss- oder Schmiedeisen,

 die Bronze, das Zink und zum Zwecke der Pracht das matte Silber. statt der Farbe

aber Schwarz, Weiss und Grau - das ist das Ideal Berlins. Wenn noch die Nüchternheit

 des Tons gehoben würde durch Strenge und Reinheit des Styls! Aber die Form ist

auch linkisch und der Geschmack ebenso falsch wie die Farbe matt.- Letztere Unterscheidung

 zwischen dem Wiener und Berliner nideßia im Kunstgewerbe ist nun freilich

nicht ganz richtig und zutredend, denn der französische Berichterstatter musste doch erkannt

 haben, dass Oesterreich auch mit seinem Guss- und Schmiedeisen und mit seinen

Bronzen den Preis errungen hat und dass unsere industriellen ihre Fähigkeit bewiesen

haben, auch diese Materialien stylvoll und mit feinem Geschmack zu bearbeiten. Hauptsächlich

 hebt aber der Berichterstatter unter den österreichischen Obiecten hervor: v-die

köstlichen Glasartikel von Lobmeyr, die prachtvollen Steife und Teppiche von Philipp

Haas, die mit Recht berühmten Lederarbeiten von August Klein, die blitzenden Geschmeide

 von Bach er.u

Schliesslich bespricht der französische Berichterstatter auch die Ausstellung der

Kunstgewerbeschule des Oesterr. Museums und der übrigen österreichischen Fachschulen

und da fällt er wirklich das richtigste Urtheil über die in Oesterreich vom Museum aus

angebahnte Reform des Kunstgewerbes auf dem Wege des Unterrichts. Besonders bemerkenswerth

 ist, was er über den Werth der einheitlichen Organisation des kunstgewerblichen

 Unterrichts gerade für Oesterreich sagt. Es heisst da: -Die binnen einer

verhältnissmassig kurzen Zeit, seit der Wiener Weltausstellung von 1873, gemachten

Fortschritte sind wahrhaft erstaunlich. Von der Gründung des Museums und der Centralschule

 desselben an hat man die ebensetpraktische wie wohlbegründete Idee festgehalten

 und durchgeführt, mit diesen Anstalten alle Fachschulen in ganz Oesterreich

in directen Verkehr zu setzen und so eine technische und künstlerische Centralisation

 herzustellen und aufrecht zul erhalten. Alle diese Fachschulen hängen von dem

Wiener Museum ab, erhalten regelmässig von demselben Stiche, Copien und Modelle

aller Art; ihre Fortschritte, ihre Bedürfnisse und die für sie nothwendigen Veränderungen

stellen sich heraus auf den regelmässigen Ausstellungen ihrer Arbeiten in den Sälen des

Museums. Das geschah zu dem Zweck, um dadurch nach Verlauf einiger Lustra der industriellen

 und künstlerischen Production Oesterreichs den Stempel der Zusammengehörigkeit

 und Ursprünglichkeit zu geben, der sie kennzeichnet und auszeichnet 'und vor

jener Zerfahrenheit und jenem Mangel an Styl und Einheit bewahrt, die man im Allgemeinen

 in Deutschland und Italien findet. Es steht ausser Zweifel, dass bereits heute die

Produete der österreichischen Kunstindustrie ihren Rang und Platz an der Seite der besseren

 französischen Producte beanspruchen können, und dass sie die deutsche und italienische

 Concurrenz schon ein gutes Stück hinter sich gelassen haben. Dies rührt daher,

weil die Oesterreicher, weniger überzeugt von ihrer eigenen geistigen Ueberlegenheit und

minder eingenommen von Vorurtheilen und Lehrmeinungen als ihre nördlichen Nachbarn,

begriHen haben, dass auch auf dem Gebiete der Kunst der auf's Aeusserste getriebene

Individualismus zu nichts führt, dass die Einheit stark macht und dass ein wohl ausgeführter,

 durchaus leicht erkennbarer nationaler Styl das nothwendigste und unentbehrlichste

Element ist für die Entwicklung und mr das Gedeihen der Kunstindustrie. Sie haben erkannt,

 aus welchen Quellen der französische Geschmack genährt wurde, der zur Blüthe
            
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