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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVII (1882 / 199)

August Man: Geschichte der decorativen Wandmalerei in Pompeji. 
Herausgegeben von der Redaction der nArchäologischen Zeitung-i. Mit 
zo Taf. in einer Mappe. Berlin, G. Reimer, 1882. VIII u. 462 SS._ 8. 
Während sich die Geschichte von Malerei und Plastik von jeher eingehender Pflege 
erfreut, hat sich die wissenschaftliche Forschung der Geschichte der ornamentalen Formen 
nicht mit jener Beharrlichkeit zugewendet, welche diese bei ihrer Wichtigkeit fur die 
Gesammtgeschichte der Kunst beanspruchen dürften. Selbst die kaum ubersehbare Menge 
der Puhlicationen von Ornamentformen, hervorgerufen durch die neuere imitative Richtung 
des Kunstgewerbes, hat wenig fordernd darauf eingewirkt. Ja, man erstaunt bei Durch- 
blatterung jedes neu erscheinenden Prachtwerkes, wie dilettantisch, wie ungenügend, wenn 
nicht geradezu falsch die Bedeutung und historische Stellung der vorgelegten Zierformen 
nur so nebenbei behandelt ist, wie mit wenigen Schlagworten, unter welche die hetero- 
gensten Dinge geschachtelt werden, Alles gethan zu sein scheint. Oonze's bekannte Ab- 
handlungen über die pelasgische Kunst hatten der Wissenschaft in der Betrachtung orna- 
mentaler Kunstformen ein neues Gebiet erschlossen und die sogenannte prähistorische 
Forschung sowie die Vasenkunde hatten durch die Verfolgung der dort niedergelegten 
Beobachtung die kraftigste Forderung erfahren. Doch harrten die vorgeschrittenen Cultur- 
perioden noch immer der Bearbeitung. Um so erfreulicher ist das rasch auf einander 
gefolgte Erscheinen dreier Werke, deren jedes sich ein großes Gebiet der Decoration 
aus historisch wohl Dbersehbaren Zeiten zum Vorwurfe genommen hatte und uns nun 
dort, wo wir ein Chaos zu sehen glaubten, eine deutlich erkennbare historische Ent- 
wickelung verfolgen lasst, die es uns ermöglicht, die einzelnen Objecte jener Gruppen 
systematisch zu ordnen und einzureihen. Was Karabacek für die Textilornamente des 
Orients in seinem rSusanschird-i betitelten Buche, was Sophus Müller für die nordische 
Thierornamentik geleistet hat, darauf ist in diesen Blattern seinerzeit hingewiesen worden. 
Es erübrigt noch, mit wenigen Worten auf die Bedeutung der vorliegenden Forschungen 
August Man's hinzuweisen. Hatten wir bisher nur ein allgemeines Bild von der pompe- 
janischen Wandmalerei, ohne bestimmte Stylformen oder Entwickelung erkennen zu können, 
so hat Mau es versucht, diese Wandmalereien chronologisch zu ordnen. Es ist ihm gelungen, 
eine Entwickelung wahrend wenigstens 160 Jahren nachzuweisen, die sich in vier auf- 
einantlerfolgenden Gruppen von Decorations-Systemen. verfolgen lasst. Durch sorgfältige 
Benutzung der Resultate der Baugeschichtc Pompejis konnte er ihre zeitliche Aufeinander- 
folge auch durch äußere Umstände beweisen. Diese von der literarischen Ueberlieferuug 
unabhängig dargestellten Untersuchungen haben eine schone Bestätigung durch die be- 
kannte Stelle über Wandmalerei im Vll. Buche des Vitruv erfahren, deren volles Verständ- 
niss nun erst erößhet wurde. 
Der erste Styl, der lncrustations-Styl der osltischen Periode Pompejis und 
der Architektur in Tuffstein gleichzeitig, ahmt in Stucco die Marmortafeln nach, durch 
welche die Wände in den Prachtgebäuden der hellenistischen Städte geschmückt waren. 
Saulen, Gesimse etc. sind plastisch gebildet, wie auch alle Tafeln von einem zurück- 
tretenden Rande umgeben werden. Wir mtissen uns bei dem uns zugewiesenen Raume 
für diesen und die folgenden Style mit solchen Andeutungen begnügen und konnen von 
der Feinheit jeder Beobachtung. von den sorgfältigen Beschreibungen der einzelnen Ob- 
jecte, von der Geschichte der Entwickelung, die innerhalb jedes einzelnen Styls verfolgt 
wird, leider nur Nachricht, aber keine Beispiele geben. 
Ä Im zweiten Styl, dem Architektur-Styl, wird die Wand nicht ornamentirt, 
sondern zum Felde einer Darstellung, und zwar einer Darstellung architektonischer Art 
gemacht. Die ausgeschmückten Raume werden durch diese Decorationen perspectivisch 
erweitert, indem hinter der Wand liegende Saulenreihen, eine incrustirte Mauer dahinter 
und ober der Mauer wieder ein Ausblick in ein weiteres Gemach, eine Concha, eine 
Landschaft etc. fingirt werden. Hier treten zuerst in der Mitte der Wand Aedicula als 
Vorbau eines Bildes auf. Alle Architektur ist als möglich, als Nachahmung einer wirk- 
lichen gedacht, wie denn auch die Materialien der Architekturen und ihrer Zierglieder, 
als: Holz, Bronze, Glas etc., der Natur nachgebildet sind. 
Diesem folgt ein dritter, der ornamentale Styl. Die Wand wird wieder als 
Flache behandelt, die verziert werden soll. Während im zweiten Style die plastische 
Schilderung des ersten Styles als Sockel, Plattensysteme, Gesimse getreu nachgebildet 
war, verflüchtigt sich im dritten ihre architektonische Bedeutung, und wenn auch ihre 
Aufeinanderfolge beibehalten ist, so haben sie doch nur den rein decorativen Charakter 
des Flachornamentes. Besonderes Gewicht wird auf in diesem Sryle auftretende weiße oder 
wenigstens hellfarbige Verticalstreifen und Pilaster mit ungewöhnlicher Verzierung gelegt. 
lhm folgt jener in den Publicationen hauptsächlich vertretene vierte Styl mit seinen 
phantastischen Architekturen, Durchblicken und Prospecten, die bisher eigentlich für unsere 
Vorstellungen der pompejanischen Wandmalerei maßgebend waren.
	        

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