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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVII (1882 / 206)

schliffene viel mehr Mineralisches oder Metallisches an sich hat. lst aber schon das Thun 
des Bläsers ein individuelles, so muss vollends der Arbeiter, welcher die glühenden Stäbe 
und Faden als Henkel, Schlangenlinien, Ranken etc. anheftet, mit der Zange die Blätter, 
Blüthen, Delphine u. dgl. m. formt, künstlerisches Verständniss mit der höchsten tech- 
nischen Sicherheit vereinigen. Bei der Raschheit, welche sein Werk erfordert, kann er 
sich unmdglich mit sklavischer Genauigkeit an ein Vorbild halten, sondern nur an die 
Hauptlinien der Zeichnung, deren Ausführung im Einzelnen durch den Moment, durch 
die Benutzung von Zufällen bedingt ist. Es leuchtet ein, dass zwei völlig gleiche Stücke 
auf diese Weise nicht entstehen können; um so viel näher steht daher diese Technik 
der Kunst, als dem nach der Schablone arbeitenden Handwerke. 
Sowohl in der Glasfarbung als in der Glasplastik hat die Ausstellung sehr Bemer- 
kenswerthes aufzuweisen. Meyr's Neffe in Adolf in Böhmen, eine Fabrik, welche sonst 
in Verbindung mit L. Lobmeyr auszustellen pflegte, ist zum erstenrnale selbständig auf- 
getreten und hat neben vielem anderen Trelllicben einen Goldton gebracht, der von 
außerordentlich schöner Wirkung ist. Dein Glase isrdie reine Durchsichtigkeit bewahrt, 
aber der Anschein des Korperlosen genommen, und die Farbe hat nichts Schillerndes, 
nichts an die Seifenblase Mahnendes, wie jene irisirenden Glaser, von denen ausgehend 
man zu diesem herrlichen Resultate gelangt ist. Geharteter Rheinwein müsste ungefähr 
so aussehen. 
Farbige Glasgefäße mit Henkeln, Steinen, Tropfen u. dgl. aus anders gefärbter 
Masse haben sich in den letzten Jahren schon bei uns eingebürgert. Einen Schritt weiter 
ist nun die graflich Harrachsche Fabrik in Neuwelt gegangen. Sie hat ein neues Genre 
geschaffen, welches wohl eine gewisse Verwandtschaft mit dem venetianischen hat, sich 
von diesem aber durch derbere Formen und eine, man möchte sagen, kühne Farben- 
gebung unterscheidet. Der Doctrinarismus geräth diesen Bildungen gegenüber, wie so 
häufig dem Neuen, in arge Bedrangniss. Unstreitig liegt ein naturalistischer Zug in der 
Art, wie hier Blüthenzweige gleichsam hingeworfen sind, um den Körper des Gefäßes, 
und das Blau, Grün, Roth, Violett auf goldig-braunlichem Grunde steht entschieden nicht 
im Einklang mit den Sätzen populärer Compendien der Farbenlehre. Freilich hat das, 
was die Franzosen Japonisme nennen, schon seit zehn Jahren in die Schulvorstellungen 
vom Styl Bresche gelegt, und auch gegen Farben-Combinationen sind wir viel duldsamer 
geworden. Und während wir das Copiren ostasiatischer Absonderlichkeiten keineswegs 
als eine gesunde Richtung ansehen können, ist die hier erwähnte freie Ornamentations- 
weise in den Schranken des Materials und der Technik und des uns angeborenen Ge- 
schmackes geblieben, lasst sich mithin vor den natürlichen Stylgesetzen rechtfertigen. 
Andererseits muss wieder beachtet werden, dass Durchsichtigkeit und Strahlenbrechung 
Farben-Zusammenstellungen möglich und reizend machen, deren Uebettragung auf andere 
Stoffe nicht einfach zu empfehlen sein würde. Für den Tafelschmuck lässt sich nichts 
Heitereres denken, als solche Gefäße, welche aus lauter leuchtenden Farben bestehen, 
deren Zahl unbegrenzt zu sein scheint, da auffallendes, durchfallendes und reßectirtes 
Licht unendliche Mischungen hervorbringen. 
Im gravirten Krystallglase und in den Prunkstücken mit Schmelzmalerei hat Lob- 
meyr noch keinen Nebenbuhler. Reich ßtCo. und Schreiber 8: NeEen cultiviren vornehm- 
lich Beleuchtungsgegenstande, also ein Feld, auf welchem noch viel zu arbeiten ist und 
auf welchem fortwährend neue Aufgaben gestellt werden. Noch können wir nicht be- 
haupten, dass Technik und Aesthetik das vollkommen Befriedigende für das Petroleum 
zu Tage gefordert hätten, das vor zwanzig Jahren zu uns kam, und schon macht die 
elektrische Flamme ihre Ansprüche geltend. Für sie passt wieder keine von den Formen, 
mit welchen man auskam, so lange Holz, Oel, Kerzen uns leuchteten, und das den grellen 
Schein mildernde, aber die Leuchtkraft nicht übermäßig beeinträchtigende Medium soll 
gefunden werden, und zwar sehr bald, lieber heute als morgen. Denn wir sind gar un- 
geduldig, übersehen leicht die rasche Folge neuer Erscheinungen in unserer Zeit, während 
ehemals vdurch vielhundertjährigen Volksgebrauch der Styl sich entwickeln konnte-i. 
Diesen Unterschied müssen wir uns gegenwärtig halten, um nicht ungerecht zu werden 
gegen das unsichere Tasten derer, welche den neuen Dingen das passende künstlerische 
Kleid geben möchten; aber es kann uns nicht abhalten, Fehlgrilfe zu rügen. So z. B. die 
Vorliebe, Lampen, Blumenvasen u. dgl. mit figürlicher Malerei auszustatten. Wirkliche 
Künstler werden damit nicht betraut, da ihre Arbeit den Gegenstand zu sehr vertheuern 
würde; so begegnen uns denn fast überall schlecht gezeichnete, schlecht colorirte Bilder, 
oft wahre Carricaturen, deren täglicher Anblick auch dem weniger gebildeten Auge zum 
Grauel werden muss, wogegen ein gefalliges Ornament, für welches die geeigneten Kräfte 
sich eher finden, nicht sobald ermüdet. Die Herstellung farbiger Glasglocken hat erstaun- 
liche Fortschritte gemacht; bis zur Große von einem halben Meter Durchmesser bläst 
man sie, freilich leistet das nicht mehr die menschliche Lunge, sondern eine Maschine. 
Aber in der Decorirung großer und kleiner Glocken kommen fortwährend allerlei Wun- 
derlichkeiten vor. Auf gefärbtem oder mattirtem Glase werden Ornamente durchsichtig
	        

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