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MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVIII (1883 / 208)

'94

alle Städte weht der belebende Hauch der Kunst. Es gibt keine Stadt in

Mitteleuropa, die eine so gewaltige Umgestaltung erfahren hat, als Wien

durch die monumentalen Bauten, welche in den letzten Jahrzehnten vollendet

 wurden. Ist im 18. Jahrhundert Wien eine große Residenzstadt

geworden, so wurde durch Kaiser Franz Joseph Wien eine Weltstadt,

in welcher Orient und Occident sich friedlich die Hände reichen. Die

Burg, der Stammsitz der Habsburger, geht einem Umbau entgegen,

welcher der Stadterweiterung das Siegel der künstlerischen Vollendung

aufdrücken wird.

Aber gerade der Umstand, dass das historische Leben und die

Kunstptiege in den österreichischen Ländern so bedeutend war, lässt uns

heutigen Tages um so schmerzlicher wahrnehmen, dass wir nicht Geschichtsschreiber

 genug haben, welche die österreichische Geschichte anziehend

zu erzählen versuchen, und nicht Künstler genug besitzen, welche diese

Geschichte in echt historischem Sinne künstlerisch darzustellen vermögen.

Speciell bei uns ist der Sinn für historische Kunst nicht genug geweckt,

nicht lebendig genug. Sehen Sie sich hier in Wien um und Sie werden kein

einziges öffentliches Denkmal Rudolfs von Habsburg finden, ebensowenig

ein Denkmal auf Maximilian 1.; wenn Sie die öffentlichen Gemäldegalerien

durchwandern und nach historischen Bildern fragen, welche die österreichische

Geschichte darstellen, so werden Sie kaum eine befriedigende Antwort

erhalten und in Folge dessen zu dem Glauben hinneigen, die Kunst der

Geschichtsmalerei sei berufen zu schweigen und nicht zu reden und die

Künstler hätten keinen Beruf, das geistige und staatliche Wohl ihres

Vaterlandes zu beleben.

Mit großer Genugthuung haben wir gesehen, wie beim Rathhausbau

 der Wiener Gemeinderath Veranlassung genommen hat, nach dem

Vorbilde der Ruhmeshalle im Arsenale die hcrvorragendsten Momente der

Geschichte Oesterreichs durch Malerei und Plastik darzustellen. Hoffen wir,

dass bei der inneren Ausschmückung der Wiener Universität das geistige

Leben der Völker Oesterreichs künstlerisch zum vollen Ausdruck kommt.

Denn die Zeiten, in denen wir leben, sind eben so ernst und die Gefahren,

die uns von dem unruhig bewegten Osten drohen, nicht minder bedeutend

 wie zu den Zeiten Karls des Großen oder zu den Zeiten, wo

die Völkerzüge aus dem Osten an den Thoren der Civilisation gerüttelt

haben. Und die Abwehr dieser drohenden Gefahren, diese historische Mission,

 die Oesterreich wieder übernommen wie zu den Zeiten Karls des

Großen und diese Thatsache, möchte ich sagen, verpflichtet Künstler und

Gelehrte, den österreichischen Staatsgedanken festzuhalten und in der Geschichtschreibung

 wie in der historischen Kunst für denselben einzutreten.

Heute nach 600 Jahren betrachten wir die Begründung eines großen

Reiches, wie Oesterreich aus der Ostmark sich entwickelt hat, als eine

selbstverständliche Thatsache, als ob dies ein Act der politischen, nur nach

mechanischen Gesetzen sich vollziehenden Nothwendigkeit wäre, wie es
            
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