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MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVIII (1883 / 215)

Zeugniss seines edlen, liebenswürdigen, neidlosen Charakters.

Wenn manchmal, wenn auch nur selten, trübe Erlebnisse wie

dunkle Wolken über seine Seele zogen, so war es die Gleichgiltigkeit,

 mit der er gerade von jener Seite behandelt wurde, die

am meisten Ursache gehabt hätte, ihn zu großen Aufgaben der

Kunst zu berufen. Er sprach darüber wenig und nur in ganz

vertrauten Kreisen. Von seiner Vaterstadt, auf die er mit patriotischern

 Stolze hinblickte, hat er nicht Einen Kunstauftrag erhalten;

der Gemeinderath Wiens kann nicht auf Ein Bauwerk hinweisen,

von dem er sagen könnte: zu diesem Werke haben wir unsern

Ehrenbürger Heinrich Ferstel berufen. Die Erzdiöcese hat dem

Erbauer der Votivkirche nicht Einen Auftrag zu einem Kirchenbau

in Niederösterreich gegeben. Hatte er doch ein volles Verständniss

für die Bedeutung der Kunst in der Kirche. Die Gedenkschrift zur

Regulirung Wiens, die er im Auftrage des Architektenvereines verfasst

 hat, liegt unbeachtet in den Acten jenes Baudepartements,

dessen Reform das dringendste Bedürfniss für die Architektur

Oesterreichs ist. Er wäre der berufenste Bauminister des österreichischen

 Reiches gewesen, wenn eine solche Stelle geschaffen

worden wäre. Als die Akademie der bildenden Künste in die

Lage kam, für Hansen einen Stellvertreter zu nominiren, wurde

einmüthig Ferstel genannt. Ich habe diese Bemerkungen nur

angedeutet, um einige Stellen in dem Briefe Ferstel's um Etwas

dem Verständnisse näher zu rücken.

Das einzige Ministerium, welches ihn zu einer großen Lehrund

 Bauthätigkeit berufen hat, war das Ministerium für Unterricht.

 Es übergab ihm eine für unsere Verhältnisse glänzend dotirte

Professur für Architektur an der technischen Hochschule Wiens,

legte schon früher den Bau des Oesterr. Museums, später jenen

der Universität in seine Hände, und würde zweifellos auch den

Bau jener Institute, welche zur Vervollständigung der Universität

 noch nothwendig sind, ihn haben ausführen lassen. Ferstel

gedenkt selbst in dem erwähnten Briefe seines Antheiles an der

Creirung jenes Styles, welcher in der Vulgärsprache der Architekten

beim Palast- und Wohnhausbau der vWlEDBT Stylu genannt wird,

der von Ferstel aber als dieWiederaufnahme der Bauformen

der italienischen Renaissance in unsere Profanbauten bezeichnet

 wird. Der Bau des Administrationsgebäudes des österr.

Lloyd in Triest, die Paläste des Erzherzogs Ludwig Victor, Wertheims,

 Hollitschers u. s. f., die Kunstformen seines Projectes für

den Parlamentsbau in Berlin entspringen dem Gedankenkreise von
            
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