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Objekt: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

ERNIEDRIGUNG DER HRBEIT 
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I d) habe mir gelobt, niemals zu Landsleuten über die Kunft 
zu reden, ohne fo kurz und bündig, als ich nur kann, über 
die Erniedrigung der Arbeit zu fprecben, die nach meiner 
Hnficbt die große Gefahr der Kultur ift, wie fie fich auch als 
das wahre Gift für die Kunft erwiefen hat. Vorausficht und 
guter Wille haben viele Arten ins Leben gerufen, Menfcben zu 
erziehen, bevor fie in die Arbeitsjahre kommen: fie zu leiten, 
wenn Unglück oder Krankheit fie am arbeiten verhindern; fie 
'vernünftig zu unterhalten, wenn fie in ihrer Arbeit Muße haben; 
lauter Ziele, die durchaus gut und zum Wohlbefinden unferer 
Raffe fogar notwendig find. □ 
Berührt das aber nur das Herz der Sache, emfig darüber zu 
wachen, was die Leute mit ihrer Zeit beginnen, bis fie aus der 
Kindheit in die Jugend hineinwachfen, fich abzumühen, zum 
Vergnügen ihrer wenigen Ruheftunden beizutragen und zu 
gleicher Zeit niemals daran zu denken, wie fie zwifchen dem fieb= 
zehnten und dem fiebzigften Jahr ihre Arbeitsftunden zubringen 
(zehn Stunden den Tag, von denen eine gute Zeit im Wunfcb nach 
dem Ende verläuft)? Das fcheint mir ein feltfames Zufchließen 
der Augen vor einer der Hauptfchwierigkeiten des Lebens zu fein, 
ein feltfames Sichwegwenden von der großen Frage, die alle 
Menfchem und Nachbarsfreunde ftellen feilten: wie die Menfcben 
in ihrer täglichen Arbeit Hoffnung und Freude gewinnen können? 
Ich behaupte nicht, daß ich prophezeie, was der Welt begegnet, 
wenn wir fortfahren, unfere Augen diefem Punkt verfcbloffen 
zu halten; eines aber wird gefchehen: die Vernichtung aller 
Kunft. Ich fage, ich weiß, daß es gefchehen wird, und in der 
Tat gefchieht es jetjt, und wenn wir keine andere Wendung 
nehmen, wird auf lange hinaus alles gefchehen fein. Man möchte 
mir nicht glauben, wenn ich bekenne, daß ich es an fich fogar 
für eine leichte Sache halte, diefes Hinaustreiben aller Schönheit 
aus dem menfchlichen Leben, wenn man aber weiß, was auf 
dem Grunde liegt, dann fcheint es um foviel fchwerer, diefes 
Hinausdrängen aller Freude und Selbftachtung aus der täglichen 
Arbeit des Menfcben, diefes bilflofe Zulaffen, daß fie ein bloßes 
blindes Werkzeug für die Übervölkerung der Welt wird, für 
die unaufhörliche Vermehrung grundlofer und elender Exiftenzen. 
Sicherlich fpreche ich zu einigen, deren Leben, wie das meine, 
mit erfreulicher und ehrenvoller Arbeit gefegnet ift, die den 
Gedanken nicht ertragen können, daß wir fortfahren, dem unfere 
Augen zu verfchließen und nichts dagegen zu tun, weil unfere 
Zeit auf Erden nicht lang ift. Können wir dem Böfen nicht 
entgegentreten und unter möglichftes tun, es ganz von felbft 
beffer zu machen? Ift es ein notwendiges Übel, fo wollen wir 
wenigftens dazu beitragen, feinen Zuftand zu zeigen, indem 
wir uns ihm aufs äußerfte widerlegen. Das fcblimmfte, das uns 
als Rebellen in diefem Falle paffieren kann, befteht darin, von 
der Flut jener Notwendigkeit weggefchwemmt zu werden; das 
wird uns aber nicht weniger paffieren, wenn wir nicht dagegen 
ankämpfen, wenn wir Flunkerer find und keine Rebellen. In 
der Tat, man kann meinen, daß die Metapher nur zu wahr ift, 
daß wir bloße Strohhalme in diefer widerftandslos fortreißenden 
Flut find. Wir wollen aber die Metapher nicht übertreiben; 
denn wir find kein Stroh, fondern Menfcben mit Willen begabt 
und mit Strebungen, mit Pflichten, die wir zu erfüllen haben; 
wir wollen alfo nach alledem feben, was wir zum Beweis dafür 
beibringen können, ob es notwendig ift, daß die Kunft unter 
gebt, nämlich ob die Menfcben in einer häßlichen Welt leben 
follen, in der es keine anderen Arbeiten gibt, als mübfelige. 
Wir follten den Wert von geiftigen Arbeiten begreifen lernen, 
von Arbeiten, bei denen das Hirn die Hand leitete, und follten 
fie lieber nehmen, obgleich fie grob ift, als geiftlofe Mafchinen- 
und Sklavenarbeit, auch wenn fie fein ift; es weit von uns ab 
weifen, Mafcbinenarbeit zu verwenden, es fei denn, die Natur 
der Sache zwänge dazu, oder die Mafchine führte aus, was 
andernfalls unter menfchlichen Leiden bergeftellt würde: in 
Waren einen hohen Standard der Auszeichnung zu halten und 
keine Notbehelfe für echte Dinge zu akzeptieren, fondern fich 
lieber fo behelfen; kein Ornament bloß um der Form willen 
zulaffen, fondern weil wir es wirklich für febön halten, — fonft 
lieber ohne Ornament; nicht an einem häßlichen oder febmutjigen 
Platj um der bloßen Anregungen oder dergleichen willen zu 
leben, fondern nur, weil unfere Pflichten uns daran knüpfen; 
die natürliche Schönheit der Erde als eine heilige Sache zu be 
handeln, die man nicht eilends einer Betrachtung unterziehen 
kann; allem die äußerfte Sorgfalt zu widmen, was uns an Archi 
tektur und dergleichen aus den Kunftepochen geblieben ift. Ich 
leugne es, daß es je fo unter eigen ift, daß wir damit anfangen 
könnten, was wir wollten; es ift das Eigentum der Welt, das 
uns nur für unfere Nachkommen anvertraut ift. d 
Hier liegt eine Reibe von Dingen, die nicht leicht zu tun find 
(wie es fcheint), und deren Erfüllungen nach meiner Meinung 
die Pflicht aller Menfcben ift, die fich irgendwie um die Kunft 
des Lebens bekümmern und fie nicht einem barbarifeben und 
läftigen Luxus anheim geben wollen, dem Komfort, wie man es 
gern nennt, über den einige von uns als über ein Zeichen der 
Zivilifation fo ftolz find, der aber, wie ich zuweilen glaube, dazu 
beftimmt ift, alle Kunft zu erfticken, auf die Dauer auch allen Geift, 
wenn wir nicht mit der Zeit weife werden und darauf acht geben. 
Ich wage es zu tagen, daß niemand, außer jenen Menfcben, 
die fich bewußt oder unbewußt um die Kunft kümmern, daran 
denkt, fich durch diefe Gefetje zu binden, vielleicht aber fcbließen 
fich ihnen einige andere in dem Verfuch an, auf die Nachfolger 
zu wirken. So wenig wie möglich tollte man mit Vermittlern 
zu tun haben, fondern die Herfteller und Käufer von Waren fo 
eng wie möglich zufammenbringen. Sein Beftes tollte man ver 
hieben, um die Unabhängigkeit und die vernünftige Muße aller 
Handwerker zu fördern. Alles Feilfcben follte man febeuen, das 
wirkliche oder das eingebildete (meiftens ift es das letjtere), und 
forgfam darüber wachen, daß man bezahlt und bekommt, was 
eine Ware wirklich wert ift. Zu diefem Zweck follte man den 
Unterfchied zwifchen guten und fcblecbten Waren begreifen; das 
gibt uns ebenfalls einen Einblick in die Nöten eines Hand 
werkers und hilft uns die unwiffende Ungeduld und Mißlaune 
zu verfcbeuchen, die viel zu häufig find, fo wie wir uns heut 
zutage damit befaffen. WILLIAM MORRIS 
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