Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XX (1885 / 243)

E48

Zeit an, da man in oberitslischen Städten, namentlich in Lucca und

Venedig, Gewebe in dem bisher exotischen Stoffe - der Seide - selbst

anzufertigen begann, ohne dass man eine genügende Zeit der Uebung

hinter sich hatte, um zu einem selbständigen Style durchzudringen, der

den Bedingungen des Stolfcs und der neuen Gulturwelt, in die er nunmehr

 übertragen worden war, gleichmäßig entsprochen hätte. So begnügte

man sich mit der Imitation der sarazenischen Musterung, welche wenigstens

 den stoElichen Bedingungen entsprach. Das eine Stück (Nr. 7512)

ist eine Bordure mit reizend stylisirter Ornamentation, der Pflanzen- und

Thierwelt entnommen, grün auf röthlichem Grunde, der durch leichten

Einschlag von rothen Seidenfäden in die leinene Kette hergestellt ist.

Stylisirte Löwen erscheinen durch Runde mit sternförmigen Blattrosetten

oder durch übereck gestellte Quadrate mit weiß umränderten arabischen

Buchstaben getrennt. Besonderes Interesse bietet ein zweites Stück

(Nr. 7513) durch den Umstand, dass es arabische Inschriften in Silberdruck

 auf blauem Leinen zeigt - ein Beispiel der Imitation arabischer

Decorationsweise in einem Stoffe, der des Anlehnens an fremde Muster

nicht bedurft hätte und somit ein Zeugniss dafür wie der Seidenstyl die

gesammte Textilindustrie jener Zeiten beeinflusste. Freilich wurde durch

die Graf'schen Funde auch der Zeugdruck als altorientalische Technik

erwiesen. Neben dem Gewebe und dem Modeldruck erscheint als drittes

Stück (Nr. 7514) das Fragment einer Applicationsstickerei, die wohl

einem zum ständigen Tragen bestimmten Gewandstück entnommen wurde,

denn der den Fond bildende Seidenstolf ist mit Unterlegung eines Futters

von blauer Wolle auf Leinen aufgenäht. Als Musterung erscheint ein

Löwe in braunem und ein Wappenschild in rothem TaHt applicirt, welch'

letzterem noch die drei Lilien in weißem Atlas aufgenäht waren. Der

rohe Charakter, der mit der zierlichen Stylisirung arabischer und arabisirender

 Erzeugnisse keinerlei Verwandtschaft verräth, sowie die weißen

Lilien erlauben, nicht an die neapolitanischen Anjou's, sondern nur an

transalpine Angehörige des französischen Königshauses zu denken, wohl

aber dürfte die Arbeit noch dem 14.. Jahrhundert angehören.

Nicht nur von historischem Interesse, sondern von unmittelbarer

praktischer Bedeutung für die Gegenwart sind die Erzeugnisse jener Zeitperiode,

 welche auf die eben besprochene folgt. Es ist die Zeit des Sichlosmachens

 von den stylistischen Vorbildern, eines Processes, analog demjenigen,

 der sich heute mit unserer Kunstindustrie vollzieht, die an der

Hand der aufgezeigten und erläuterten Vorbilder mündig geworden, nun

ihre Befähigung zum selbständigen KunstschaEen erweisen soll. Die

zeitlichen Grenzen für den Beginn und den Schluss dieser Periode sind

auf unserem Gebiete noch schwerer als auf demjenigen der hohen Kunst

abzustecken; von Italien ging die Bewegung aus und für dieses Land

zumindest kann die Bezeichnung als x-spätgothische Perioden nicht gelten,

welche Bock bis in's halbe Cinqnecento hinüber erstrecken wollte. Auch
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.