Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe I (1886 / 11)

ZZÜ

zuerst geübt schon unter Constantin, fand sie sofort reiche Anwendung in Rom, Byzanz,

besonders zu Ravenna und vielen anderen Städten. Blühend im fünften und sechsten

Jahrhunderte, verfiel diese Kunst nach dem Untergange des Gothenreiches, um im

zwölften Jahrhunderte eine neue Auferstehung zu erleben, wie die zahlreich erhaltenen

Beispiele in Rom, Palermo, Florenz, Pisa, Venedig u. s. w. zeigen. Auch anderwärts

über die Alpen wurde diese kostbare Kunst verpiianzt, doch seltener, und es ist nichts

davon erhalten geblieben. In den nordalpinischen Kirchen vertrat die Frescomalerei

die Stelle des Glasmosaiks, schwach zwar in der Zeichnung, aber doch decorativ bedeutsam

 aus coloristischem Gesichtspunkte, nicht ohne Eigenthümlichkeit und eigene

Schönheit. Die Schilderung dieser Wandmalerei in der gothischen Epoche, die gewissermaßen

 die mittelalterliche Kunst abschließt und vollendet, bildete auch den Schluss

der ersten Vorlesung.

Die zweite Vorlesung hatte die Aufgabe, den geschichtlichen Gang der Malerei

und der Decoration tn der neueren Zeit von ihrer ersten Entstehung an bis auf die

Gegenwart zu verfolgen und neben ihrer Art auch zugleich ihren ästhetischen Werth,

ihren Werth für die Kirche, zu würdigen. Zu diesem Zwecke musste der Vortrag tief

in das Mittelalter zurückgehen, zu jener Epoche, da sich zuerst die Tendenz regte, die

Gegenstände der Kunst real zu behandeln, speciell was die Kirche betrifft, die Erzählungen

und Begebenheiten der Bibel oder die Legenden der Heiligen so darzustellen, wie sie

sich in Wirklichkeit hatten ereignen konnen, denn bis dahin hatte die Bedeutung des

Bildes vor der Darstellung vorgewaltet. Merkwürdigerweise waren es gerade zwei

Männer der Kirche, zwei überaus bedeutungsvolle Heilige, von welchen diese Richtung

ausging, welche im Verlaufe einiger Jahrhunderte zur höchsten Entwickelung der Kunst,

aber auch zur vollen Verweltlichung ihrer kirchlichen Seite führen sollte. Diese beiden

Männer waren der heilige Franciscus von Assisi und der heilige Dominik, der erstere,

für dessen Richtung Giotto der Bahnbrecher wurde, der andere, dessen mehr mystische,

von Thomas Aquinas systematisch ausgebildete Richtung von der Schule von Siena

gepflegt wurde, in Orcagna ihren Hauptmeister fand und mit Fra Angelico da Fiesole

abschloss. Beide Schulen und Richtungen wurden vom Vortragenden ausführlich besprochen

 und gewürdigt. Die Richtung, welche Franz von Assisi eingeleitet und Giotto

so erfolgreich in der Kunst vertreten hatte. die eigentlich reale Richtung, setzte sich

nun in der ßorentinischen Schule fort und fand ihren nächsten großen Meister in

Mnsaccio. lhr Streben ging nicht blos dahin, die Kunstgesetze der Malerei immer

weiter auszubilden, vor Allem die menschliche Gestalt immer vollkommener darzustellen,

 sondern auch dahin, alle heiligen Begebenheiten als wahr und wahrhaftig, als

Begebenheiten aus dem wirklichen Leben erscheinen zu lassen. Zu diesem Zwecke hielt

man sich an die eigene Umgebung, nahm die Architektur, die Landschaft, die Menschen,

die Trachten, die Gegenstände, wie man sie um sich sah, und führte sie in die religiöse

Kunst ein. Auf diesem Wege bezeichnet Ghirlandajo den Höhepunkt. Offenbar liegt

darin bereits eine Richtung zur Verweltlichung, wenn auch die Künstler im Stande

waren, die Form vollkommen zu machen und den Ausdruck der Empfindung zu vertiefen.

 Nun aber kam ein Anderes hinzu, der Kunst eine neue Richtung zu geben, das

Wiederaufleben des classischen Alterthun-es, das die Menschen zu gebildeten Heiden

machte, und mit ihm das Studium der Antike, welches zu der realen Form die ideale

brachte. ln der Vereinigung dieser beiden Richtungen, und zwar in höchster Vollendung,

 beruht RafaeYs Große, der immer noch der Kirche die gottlichsten und vollkommensten,

 wenn auch nicht die heiligsten und die frommsten Gestalten schuf, wahrend

bei Michelangelo jene Richtung auf die vollendete Darstellung des Menschen allein, ohne

alle Rücksicht auf die Kirche, als einziges Ziel erscheint. Nicht anders war es bei den

Venetianern, wo nur an Stelle der Zeichnung der Florentiner der coloristische EEect als

Ziel der Kunst erscheint. Ohne Frage war durch diese Entwickelung die Kirche zu

kurz gekommen. Früher hatte sie allein das Gebiet beherrscht; jetzt hatte sich ihr die

Weltlichkeit übermaclitig zur Seite gestellt. Zwar mit der Gegenreformation schienen

wieder bessere Zeiten zu kommen, es fehlte im siebzehnten Jahrhunderte den Kirchen

durchaus nicht an Malereien und reichem plastischen Schmucke, aber dieser Schmuck

war ein völlig decorstiver, es fehlte den Malereien die tiefe religiöse Empfindung

und damit das eigentlich kirchliche Element, welches sie früher ausgezeichnet hatte. lm

Laufe des achtzehnten Jahrhundertes ließ man auch in dieser Decoration wieder nach;

es folgte die Vorliebe für den farblosen Stucco und den weißen Kalkanstrich, bis man

bei der Purification der Kirchen in unserem Jahrhunderte auf die graue i-Steinfarbekam,

 die man für das Höchste und Richtigste halt. Dagegen hat sich nun heute eine

Reaction erhoben; man kehrt wieder zur farbigen Decoration der Kirche zurück, sei sie

ornamental, sei sie Ggürlich; man hat selbst die Glasmosaik wieder erneuert zur Anwendung

 gebracht. Ueber das Wie aber, wie man heute alte Kirchen neu zu decoriren

oder zu schmücken hat, darüber erheben sich verschiedene Fragen, deren Beantwortung

den Schluss der zweiten Vorlesung bildete.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.