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Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IV (1889 / 6)

circulus vitiosus nicht herauskommen, das alte Rüstkammergewand nicht vüllig abstreifen,

um entschieden als wissenschaftliche Anstalt herauszutreten, die sie nun einmal in der

heutigen Welt sein muss.

Aus einer Anstalt zu praktischen Zwecken unter Kurfürst August l. hervorgegangen

bildete sie sich bis in die Zeit August des Starken immer mehr zu einer Collection um,

die den Charakter einer Kunst- und Wunderkammer an sich trug, einem Sammelsurium

von Seltenem und Seltsamem in halb mystischem, halb reckenhaftem Gewande. In der

späteren Zeit erfuhr sie wiederholte Uebersiedlungen und Neuordnungen durch Personlichkeiten,

 die bei allem Willen und aller Freude an dem Gegenstande, doch den

Theorien der Kunst- und Walfenwissenschaft ferne gestanden sind. lhr System der allgemeinen

 Gruppirung war ein laienhaftes, das der Anordnung im Kleinen ein rein decoratives

 '). Die späteren Directoren, denen Neuordnungen zugefallen waren, wagten aus

Pietät für dieses Schatzkastlein nur wenig an der gewohnten Eintheilung des Materialea

zu rütteln, und so kam es, dass eine vorn heutigen Standpunkte der Wissenschaft fachwidrige

 Ordnung und Theilung gewissermaßen historisch und ehrwürdig geworden ist.

Wir sind weit entfernt, dem heutigen Vorstand: und dem letzten Reorganisator

darüber einen Vorwurf zu machen. Sind wir doch selbst aus eigener Erfahrung zu der

Ueberzeugung gelangt, wie schwer es ist in ähnlichen Anstalten gegen die Gewohnheit,

gegen die Vorurtheile anzukampfen und diese aus dem Felde zu schlagen. Die Romantik

sitzt heute noch so fest in den Kbpfen der Generation, dass man nur mit sehr viel Vorsicht

in einem Gebiete Reformen wagen darf, das jene noch als ihre ausschließliche Domäne

zu betrachten gewohnt ist. So haben wir es denn auch noch in Dresden mit einer unwissenschaftlichen

 Eintheilung des kostbaren Materiales zu thun. Wir kommen aus dem

wParadesaaln in den nSchlachtensaaln, sehen in Objecten für ein und dieselbe Bestimmung

 subtile Unterscheidungen gemacht, wie für Pistolen und Pferdezeuge im wPistolen-I

und nSattelsaall, wahrend die von selbst sich ergebende Aufgabe, die Entwickelung

des Waffenwesens zu demonstriren, der eigentliche Cardinalpunkt, über o

fachwidrigen Subtilitaten aus dem Auge gelassen wird.

Aber was nützen die Klagen, die heute noch ungehort verhallen; wir müssen da

eine Besserung der Zeit überlassen und können uns nur freuen, wenn im Laufe der Zeit

ein kleines reformatorisches Wagniss ohne Zetergeschrei der Romantiker vorübergeht.

Mittlerweile fehlt es gottlob nicht an trostenden Momenten, in dem Gebiete Jin dem

ernsten Bestreben das unschätzbare Material: kunsthistorisch zu beleuchten und fachlich

einer Würdigung zu unterziehen. Wir weisen hier auf jüngst erschienene und demnächst

an's Licht tretende literarische Arbeiten hin, die geeignet erscheinen, eine durchgreifende

museale Reform anzubahnen. Hoch bemerkenswerth sind da die Publicationen dreier französischer

 Autoren, die leider sämmtlich und viel zu früh aus dem Leben geschieden

sind: Viollet-le-Duc, Gay und Beaumont. Weiß in Berlin brachte uns in seinem

Katalog des dortigen Zeughauses die Resultate gründlicher Studien. Angelucci's Werk

über die Armeria zu Turin ist nahe dem Erscheinen; die Durchsicht der Aushangebogen,

die uns vorliegen, überzeugte uns von einer eminenten Arbeit eines Fachmannes sowohl

in der Kunst- als Walfenwissenschaft. Nun überraschte uns der verdienstvolle Director des

konigl. historischen Museums in Dresden, Dr. Albert Erbstein, mit einem Büchlein,

dem er den bescheidenen Titel einer nßeschreibung des ltbnigl. histori chen Museums:

beilegt, das aber über die Bedürfnisse eines Besuchers desselben hinaus eine ltunstwissenschaftliche

 Monographie mit einer ansehnlichen Summe neuer Forschungsergebnisse darstellt.

Sehen wir von den Erstlingsversuchen F. v. Reibisch's und v. Quandfs (1834)

ab, der den Inhalt des historischen Museums nur mehr cursorisch behandelt, dann stellt

sich F. A. FrenzePs nFührer durch das historische Museum: 1850 als erste Beschreibung

 dieser großartigen Collection in der Literatur dar. Seine Arbeit ist für die Zeit

eine ganz vorzügliche zu nennen; heute genügte sie allerdings weit nicht mehr, u_nd

dennoch vergingen 39 Jahre, bis sich ein kenntnissreicher Autor fand, um einem dringenden

 Bedürfnisse zu begegnen. Für den speziellen Kunstfreund haben die vorigen Directoren

 Dr. H. Hettner und G. H. Büttner durch Herausgabe eines großen Photographiewerkei

 gesorgt, denen Text aber ein so magerer ist, dass der Beschauer mehr

nach dern Bilde als nach der Beschreibung urtheilen kann.

Wie Dr. Erbsteia als Director sein Museum betrachtet, wie er seine Aufgabe

als Autor seiner nßeschreibungu auffasst, das hat er uns in wenigen Worten in seiner

Vorrede dargelegt, die mit folgenden Worten beginnt: nDie Abfassung einer kritischen

Beschreibung des konigl. historischen Museums, mit welcher hiemit an die Oelfentlichkeit

 getreten wird, hatte deshalb besondere Schwierigkeiten, weil durch mehrere Umzüge

') Die 1833 ene N anhtelluag erfolgte_unter der Leitung v. uandtk. Die Decoration.

 in gefällig afäiiiifßiäca... Fgmen (l), besorgte mit oßem Geschmack: im i! Prof. T_hu rm er.

Frenzel nennt da: eine zweckmäßige, systematische Anfste nng, die einen großartigen , nie zu verlöschenden

 Eindruck hervorbringt.
            
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