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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IV (1889 / 7)

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gemeinen Sprachgebrauchs, der damit zwar immerhin einen bestimmten, 
aber doch sehr allgemeinen Begriff verbindet. Man pflegt unter textiler 
Hausindustrie gewöhnlich alle jene gewebten oder gestickten, geklöp- 
pelten oder gewirkten Textilerzeugnisse zu verstehen, die - insbesondere 
von Landleuten - ausschließlich im eigenen Hause und mit Hilfe der 
Familienangehörigen erzeugt werden. Ob diese Dinge für den eigenen 
Gebrauch oder für Andere, auf Bestellung in den nächsten Marktüecken _ 
oder aber auf Vorrath für den großen Weltmarkt hergestellt werden, 
kommt hiebei gar nicht in Betracht. Dies hat zur Folge, dass unter den 
gemeinen BegriE der Hausindustrie so disparate Dinge zusammenfallen, 
wie z. B. die Leinenwäsche der siebenbürgischsächsischen; Hausfrau, die 
nur für den Bedarf der eigenen Familie gestickt wurde, die gewebte 
Wolldecke der rumänischen Bäuerin, die sie im Winter über den eigenen 
Bedarf fertig gebracht hatte und nun im Frühjahr zusammen mit Eiern 
und Grünzeug in der nächsten Stadt zu verkaufen sucht, und die tam- 
bourirten Vorhänge des Vorarlberger Stickers, die durch ein St. Galler 
Kaufhaus in alle Welttheile verhandelt werden. Diese Nebeneinander- 
stellung zeigt deutlich, dass wir es innerhalb des gemeinen Begriffs der 
Hausindustrie mit ganz verschiedenen Stufen der menschlichen Erwerbs- 
thätigkeit zu thun haben, was auch die Statistiker längst veranlasst hat 
dieselben zu classificiren und namentlich den Begriff der Hausindustrie in 
schärfere Grenzen zu fassen. Von diesen wissenschaftlichen Bestimmungen 
haben die modernen Schriftsteller und Historiker des Kunstgewerbes bisher 
wenig Notiz genommen, und zwar aus leicht erklärlichen Gründen. Die 
Wichtigkeit dieser Bestimmungen liegt nämlich hauptsächlich nach der 
volkswirthschaftlichen Seite. In Bezug auf den Kunstinhalt zeigen fast 
alle die Erscheinungen, die wir unter den gemeinen Begriff der Haus- 
industrie - namentlich der sogenannten nationalen - zu subsumiren 
pflegen, trotz mancher particularer Eigenthümlichkeiten einen ziemlich 
gemeinsamen Charakter, der eine Zusammenfassung unter eine allgemeine 
Bezeichnung geradezu herausfordert, und mit einer solchen die Schrift- 
steller des Kunstgewerbes bisher ihr Auskommen finden ließ. Aber wenn 
die von den Statistikern aufgestellten technischen Bezeichnungen auch 
erst neueren Datums sind, so haben doch die damit bezeichneten Dinge 
ihre Geschichte, die mit der Entwickelung dieser sogenannten Haus- 
industrie in den vergangenen Jahrhunderten parallel geht, und da hier 
eben das Zustandekommen des heutigen Zustandes auseinandergesetzt 
werden soll, ist es nicht zu vermeiden, auf die erwähnten Unterschei- 
dungen Rücksicht zu nehmen und in kurzen Worten zu erklären, welche 
Phasen der sogenannten Hausindustrie bei unserem Gegenstande haupt- 
sächlich in Betracht kommen und was man unter Hausindustrie im engeren 
Sinne zu verstehen hat? 
Das Wort nl-Iausindustrieu besagt, dass wir es hiebei mit einer 
Industrie zu thun haben. Der Begriß" der Industrie bedingt aber eine
	        
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