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MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VII (1892 / 1)


Natur, fortgesetzt. Ließ die Wirklichkeit rathlos, konnten sie die richtigen

Proportionen, den formenreinen und doch sprechenden Ausdruck der Köpfe,

die schönen Linien, den ruhigen Fall der Gewänder, die reizende Rundung

des Nackten in ihrer unmittelbaren Umgebung nicht gleich, nicht vollkommen

 finden, so griffen sie zur Antike und holten dort die brauchbaren

Motive. Ihre sinnlichen Eindrücke wurden durch Beobachtung der classischen

 Kunstwerke fortwährend berichtigt und vor jedem lrrthum, jeder

Einseitigkeit, jedem Verfalle in das Gemeine und Trockene bewahrt. Daher

begnügen sie sich auch mit ausgewählten Einzelheiten und wissen nichts

von dem geschlossenen Wesen der Antiken-Merkwürdig

 bleibt aber immerhin, dass die Fähigkeit, das eigene

Empfinden in die neue Formensprache zu übertragen, in der Decorationskunst

 schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts mit einer Vollkommenheit

zu Tage tritt, die wir auf dem Gebiete der hohen Kunst noch lange vermissen.

 Es herrscht namentlich im ornamentalen Relief, dem eigentlichen

Ausgangspunkt der Decorationskunst von damals, eine technische Gewandtheit,

 Unbefangenheit und Freiheit, welche sonst die ersten Entwickelungsstadien

 einer neuen Kunstweise nicht zu begleiten pflegt. - Für diese

Erscheinung gibt es, wie mich dünkt, keine andere Erklärung als den

Hinweis auf die Gothik. Die gothische Decorationskunst hat in der zweiten

Hälfte des 14. Jahrhunderts eine hohe Stufe der Entwickelung erreicht,

sie überwuchert die Architektur, drängt sich vor und neigt zum freien

Naturalismus. Sie liebt es nicht allein Wiese und Wald, Feld und Garten

in ihre Verzierungskunst hereinzuziehen, sie weiß auch allerlei Gethier

darein zu verflechten und verfährt dabei mit einer Virtuosität, die vor

keiner handwerklichen Schwierigkeit zurückschreckt, bei aller Einseitigkeit

 der Auffassung mit einem Verständniss für das Charakteristische vorgeht,

 welches eingehende Studien voraussetzt. Nebenher hat sich in der

Miniaturmalerei eine Liebe für naturalistische Wiedergabe von Blumen

und Blüthen entwickelt, die wir 40 Jahre früher vergebens gesucht hätten.

Die rasche Entwickelung des Renaissance-Ornamentes muss also auch der

Gewohnheit der Spätgothiker zugeschrieben werden, naturalistische Formen

künstlerisch zu handhaben, sowie der großen Fertigkeit in der Uebertragung

 solcher Formen in das spröde Material des Steines. "Denn das

Marmorrelief ist das erste und wichtigste Ausdrucksmittel für die neue

Decorationskunst.

Aus dem Ende der gothischen Stilperiode, so gut wie noch unbeeinßußt

 von der Renaissance, haben wir am Dome zu Florenz selbst ein

bedeutendes Werk decorativer Sculptur, das für unsere Frage nach mancher

Seite hin interessant ist. Ich meine das zweite Südportal, die Arbeit eines

deutschen Bildhauers Piero di Giovanni Tedesco aus den letzten

Decennien des t4. Jahrhunderts '). Piero di Giovanni war ein hervorragender

') Siehe Hans Semper, Donatello, seine Zeit und Schule. l. Ahschn. Die Vorllufer

 Donntello's. Leipzig 1870.

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