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Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VIII (1893 / 5)

4 URTHEILE man PRBSE

neue Wahrheit hatten die meisten Verfasser moderner Kunstgeschichten

nicht erkannt. Daher war das Bild, das sie gaben, ein verschobenes.

Sie zeigten die Karte von Deutschland im großen Massstabe und die Karte

Europas im kleinen. Muther gibt in seinem neuen Werke das gleiche

Mass für alle Länder und er zeigt, dass manche Schätzung, die bisher für

die richtige galt, ungenau ist, dass mancher Strom flacher, mancher Berg

kleiner ist, als man geglaubt. Er ist frei von jenem falschen und verwerl-lichen

 Patriotismus, der zum Schaden der deutschen Wissenschaft seit

einiger Zeit bei uns sein Haupt erhebt. Wer, wie er, sine ira et studio

mit umfassendem Fleiss und taktvoller Auswahl die Werke der Literatur

und die Denkmäler der Kunst durchforscht, kann nicht im Banne enger

Vorurtheile stehen. Die Darstellung, die er von dem Entwickelungsgang

der neuen Kunst gibt, von den ersten Anfängen an bis auf die bewegten,

vielgestaltigen Strömungen unserer Tage, bezeugt, wie weit sein Blick, wie

eindringlich sein Verständniss ist, vor allem aber, dass er mit offenen

Sinnen und ohne theoretische Grübeleien Kunst zu erfassen im Stande ist.

Das Temperament, die künstlerische Persönlichkeit zieht ihn an, sie zu

ergründen ist sein Ziel. Wie allmählig aus dem Zwang und dem Schematismus

 der Schulen die Persönlichkeiten emporsteigen, das zu zeigen ist

die Quintessenz seiner Darstellung.

Münchner Neueste Nachrichten.

4. März 189;.

Was bisher an Geschichtswerken über moderne Kunst in Deutschland

 vorliegt, ist fast ganz unbrauchbar. Zum Theil, weil es unvollständig

ist, nicht die gesammte europäische Kunst umfasst _ und die europäische

Kunst ist ein Ganzes, sie durchbricht die Schranken der Nationalität, tausend

Fäden gehen herüber von Volk zu Volk - zum Theil weil die Kunst

nicht genügend in den Zusammenhang der universellen Kultur gestellt

wird, endlich, weil die Autoren durch falschen Patriotismus, durch mangelhafte

 Kenutniss und durch vorgefasste Meinungen irregeleitet wurden. Hier

liegt ein Werk vor, das von diesen Mängeln frei ist. Was sich in der

modernen Welt an künstlerischem Schaffen regte, ist dem Verfasser bekannt

 geworden, überall ist er zu Hause, überall liegt ihm dle ganze Kulturregung

 offen, das ökonomische, politische und künstlerische Streben. Ueberall

 stellt er den Zusammenhang her zwischen Kunst und Leben. Mit grossenz

Fleiss und sicherem Takt spürt er, unterstützt durch eine seltene Kenntniss

 der Literatur, den verborgenen, seltsam verschlungenen lrrgängen nach

und es gelingt ihm, überraschende Beziehungen aufzudecken. Er hat den

Muth, den landläufigen, niemals angezweifelten swahrheitenx entgegen zu

treten, sie umzustossen und Neues an ihre Stelle zu setzen. Manches,

das Jahrzehnte lang für unumstösslich galt, wird zu Boden geworfen,

manches, das unbedeutend erschien, rückt an einen erhöhten Platz. Neue

Aussichten öffnen sich, neue Namen tauchen auf. Die Schranken der

Nationen fallen und mit ihnen manche Grösse Deutschlands. Denn die

Perspektive erweitert sich, was gross schien im kleinen Raume, schrumpft

zusammen im Unendlichen. Niemals geht über dem Einzelnen das Ganze
            
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