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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1894 / 9)

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Allem nicht unfähig der lebensvollen Umgestaltung unter dem Einßusse 
neuer geistiger Errungenschaften. Daher konnte auch Dürer ohne Be- 
denken, ohne zu besorgen, heterogene Elemente miteinander zu ver- 
quicken, die Kunstformen der Renaissance als frische Reiser auf den 
kräftigen Stamm der deutschen Kunst pfropfen. Er erblickte eben in den 
von jenseits der Alpen herübergebrachten neuen Lehren und Formen 
nur Mittel zur Vermehrung und Verbesserung, nicht zur Verän- 
derung oder gar Verdrängung des Bestehenden in seiner Heimat. 
Und da war es dem deutschen Apelles vor Allem darum zu thun, das 
theoretische Wissen der Kunst, in erster Linie der zeich- 
nenden Kunst, zu fördern. Im Gegensatze zu den im Mittelalter 
lebenden Kunstschriftstellern, welche ihr Hauptaugenmerk mit Vorliebe 
auf das Materielle, auf die Vorführung der technischen Mittel und ihrer 
praktischen Verwerthung, also auf das rein Handwerkliche in der Kunst 
richteten, suchte Dürer auch die nüchterne Praxis durch logische Be- 
gründung alles Vorzunehmenden zu durchgeistigen, in dem Sinne, wie 
es die großen Kunsttheoretiker Italiens gethan haben, die mit der 
gewaltigen Erscheinung Lionardo da Vinci's den Ausgang ihrer Pe- 
riode finden. 
Wie sehr müssen wir es beklagen, 'dass das große und umfassende 
encyklopädische Werk, das zu schaffen Dürer sich vorgenommen und dem 
er selbst den Titel: "Eine Speise der Malerknabenu geben wollte, nur 
in einzelnen Bruchstücken zu Stande kommen konnte. 
ln der an seinen Freund Willibald Pirkheirner gerichteten Widmung 
seiner nVnderweysung der Messung mit dem Zirckel vnd richtscheytu, 
in welchem Werke wir offenbar eines der genannten Bruchstücke er- 
kennen, spricht sich Dürer über seinen Standpunkt klar und deutlich aus. 
Er weist zunächst darauf hin, dass man wbisher in unseren deut- 
schen Landen vil geschickte jungen zu der Kunst der Malerei 
gethanu habe, "die man ohne allen grund (ohne jede Gründlich- 
keit) und allein aus einem täglichen Brauch gelehrt hat." 
Diese seien "im Unverstand, wie ein wilder, unbeschnittener 
Baum, aufgewachsenu. "Wiewohl etliche aus ihnen durch 
strenge Uebung eine freie Hand erlangt, also dass sie ihre 
Werke gewaltiglich aber unbedechtlich, und allein nach 
ihrem Wohlgefallen, gemacht habenu. Er sieht diese Praktiker 
dem Gespötte der Verständigen ausgesetzt und kommt zu dem Schlusse: 
wDass aber solche maler Wohlgefallen in ihren lrrthümern 
gehabt, war allein die Ursache, dass sie die Kunst der Messung 
(also in diesem Falle des constructiven Zeichnens) nit gelernt haben, 
ohne die kein rechter Werkmann werden oder sein kann". 
Mit gleichem Ernste betrachtet Dürer auch die übrigen der von 
ihm behandelten Disciplinen, stellt aber vollbewusst die mathematischen 
in die erste Reihe.
	        

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