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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IX (1894 / 9)

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mals auch nur leise angedeutet wird, zu welcher Zeit denn eigentlich 
ein so nachahmenswerthes Aufgehen in der Natur bei irgend welcher 
technisch-gewerblichen Thätigkeit zu bemerken gewesen sei. Auge und 
Hand durch die sorgfältige Nachbildung der Naturformen zu üben, zeich- 
nerische Abbildungen der uns so reichlich in der Schöpfung zu Gebote 
stehenden Dinge zu erzeugen, soll vor Allem geeignet, ja wohl gar aus- 
reichend sein, den Aufstrebenden in kürzester Frist in die Lage zu ver- 
setzen, als fertiger Zeichner die verschiedensten Aufgaben, welche 
das Gewerbe an ihn gelangen lassen mag, zu lösen, vorausgesetzt, dass 
er das unerlässliche Quantum angeborenen "guten Geschmackesß 
besitzt. Was und wie viele berechtigte Forderungen der Producent 
sowohl als auch der Consument an einen guten, brauchbaren, zeichne- 
rischen Entwurf stellen kann, scheint in solchen Fällen gänzlich außer 
Acht gelassen. 
Wäre nur allein die Absicht ausgesprochen, die schmückende 
Zuthat der verschiedensten Objecte den Gebilden der Naturwelt zu ent- 
lehnen und so gelegentlich die Oberflächen von Tisch und Schrank, von 
Krug und Kanne, von Teppich und Buchdeckel etc. als willkommenen 
Untergrund zur Ausführung von malerischen, dabei aber auch wohl- 
angebrachten pflanzlichen und anderen Gestalten zu betrachten, oder, je 
nach den Umständen, als Träger plastischer Abbildungen, so muss einer 
solchen selbstverständlich stets die in ihrer Art liegende Berechtigung 
zugesprochen werden. Allein es wird der Natur auch zugemuthet, der 
Tektonik verschiedenster Richtung die passenden Muster für die Grund- 
formen ihrer Arbeiten zu liefern! - Dabei wird auf die Nothwendigkeit 
eines freieren SchaBens hingewiesen; auf die Ersparung von Zeit durch 
Vermeidung des Studiums mancher theoretischen Disciplin; endlich auf 
die größere Mannigfaltigkeit und die zu erzielende stete Abwechslung 
der Typen, womit allein nur den Forderungen des Publicums Genüge 
geleistet werden könne. 
ln Wirklichkeit ist bei Erzeugern der (im schlimmen Sinne) natu- 
ralistischen Objecte wohl in erster Linie die Wohlfeilheit der sorglos 
hergestellten Entwürfe entscheidend, sowie - im Falle die fertigen Pro- 
ducte nur einigermaßen nnatürlichu ausfallen - die Sicherheit vor der 
Gefahr einer sachlichen Kritik. Bei den angehenden Zeichnern ist zumeist 
die Mühelosigkeit ihres Arbeitens verlockend. Wie mancher Erfahrene 
könnte auch in der Gegenwart sich äußern: 
nMäll hat's bequemer heutzutag", 
Als unter meine Zucht sich zu bequemem:- 
Doch die Zeiten sorgloser Willkürlichkeit dauern niemals lange. Es 
regt sich stets wieder auf's Neue der künstlerische Ordnungssinn, der 
sich mit Macht einem Schaffen entgegenstellt, das wahllos alle Zufällig- 
keiten seiner Vorbilder hinnimmt, um sie in kritikloser Weise wieder- 
zugeben.
	        
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