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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XI (1896 / 3)

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Ordnung. Wo auf eine Verengerung des Körpers eine Erweiterung folgt, 
die das Herabfallen des Scbmuckes verhindert, dort entwickelt sich eine 
charakteristische Schmuckform. 
So erhält das Haupt seine Bekrönungen verschiedenster Art, dann 
kommt der Hals, die beliebteste Stelle für allerlei Schmuck, da die 
Schultern der Schmuckentwicklung reichsten Spielraum gönnen, es folgt 
der Einschnitt an den Hüften, ebenfalls eine von jeher bevorzugte Stelle, 
und endlich gelten die Verengerungen an Hand- und Fußgelenken schon 
in frühesten Zeiten als prädestinirte Schmuckträger. Hiezu kommt noch 
der schwellende Muskel des Oberarmes, wo durch leichten Druck eine 
künstliche Verengerung herbeizuführen ist, und endlich werden auch 
die Finger, allerdings, wie es scheint, erst in historischer Zeit, an der 
Stelle, wo unterhalb der Gelenke eine Einschnürung vorhanden ist, 
geschmückt. 
Bei aller sonstigen Verschiedenheit ist es fast durchwegs ringförmiger 
Schmuck, der, entsprechend dem menschlichen Körperbau, sich an den 
bezeichneten Stellen entwickelt. Eine ziemlich bescheidene Rolle spielt 
daneben der Steckschmuck und der Behang. Bei allen diesen Schmuck- 
arten entwickeln sich bereits unter den primitivsten Bedingungen die 
Grundsätze der Symmetrie und Enrhythmie. Die Symmetrie entsteht 
unter dem Einfluss des menschlichen Körperbaues gleichsam von selbst. 
Die Natur zwingt den Menschen, die Gesetze, die für sie selbst maßgebend 
waren, auch im Körperschmuck zum Ausdruck zu bringen. Wie der 
Körper durch eine verticale Trennungslinie in zwei gleiche Hälften getheilt 
wird, so folgt auch die Ausbildung des einzelnen Schmuckgegenstandes, 
der sich, wie z. B. eine Federnkrone, eine Halskette, ein Gürtel oder ein 
Ohrgehänge zu beiden Seiten einer Mittellinie gleichmäßig entwickelt, 
denselben Gesetzen. 
Gleichzeitig mit der Symmetrie entsteht der R bythmus; ergibt sich 
dieSymmetrie aus dem Bau des menschlichen Körpers, so folgt der Rhythmus 
aus der Natur der zum Schmuck verwendeten Objecte. - Gleichmäßige 
Aneinanderfügung ein und derselben Elemente erzeugt die einfachste 
rhythmische Reihe. Die Ungleichartigkeit der Schmnckbestandtheile in 
Form oder Farbe oder nach beiden Richtungen führt dahin, aus zwei 
oder mehreren Elementen rhythmiScheLEinheiten zu formiren, die sich 
wie wirkliche Einheiten wiederholen, so oft es die Form des Schmuck- 
gegenstandes verlangt. Durch Combinationen und Complicationen wird 
bereits in frühester Zeit die Zahl der Varianten in's Unübersehbare 
vermehrt, und es entsteht jener Codex rhythmischer Ordnung, der die 
Grundlage bildet für die Entwicklung des Ornamentes. Symmetrie und 
Rhythmus verbinden sich alsbald derart, dass innerhalb des symmetrisch 
angeordneten Ganzen der Rhythmus in wechselvollem Spiel das Detail 
anmuthig belebt.
	        

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