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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VIII (1873 / 92)

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Diese Steinzeit, die wir als zweite grosse Epoche der menschlichen 
Ansiedlungen betrachten wollen, zeichnet sich ausser dem Besitz dieser 
Naturproducte in der Industrie wesentlich dadurch aus, dass sie ausser 
dem Feuerstein und dem Serpentin in allen seinen Uebergangsforrnen, 
ferner den Sandstein, Hornblende und eine grosse Anzahl anderer Ge- 
steine durch Zuschleifen als Waffen nutzbar zu machen weiss. Sie wird 
deshalb auch die Zeit des polirten Steines genannt. In Dänemark und 
Schweden werden die Feuerstein-Waffen in dieser Zeit ganz meisterhaft 
und wirklich künstlerisch zubehauen, zum Theil auch geschliHen. 
Die Topfwaaren zeigen Lschon einen grossen Reichthum an Formen 
und vielfältige Verzierungen. Nachdem diese Zeit uns durch die Pfahl- 
bauten in ihrer Totalität ziemlich anschaulich vorliegt, so können wir 
auch hier ein genaueres Bild der ganzen Lebensweise und der Cultur- 
stufe, auf der jene Völkerschaften standen, uns entwerfen, der Ausbrei- 
tungsbezirk der Steinzeit umfasst nun fast ganz Europa mit Ausschluss 
von Preussen, wo eine entwickelte Steinzeit nicht gefunden wurde, wenn 
auch Pfahlbauten nicht selten sind. Es gehen aber diese Pfahlbauten, 
die eigenthümliche Art der Ansiedlung längs den seichten Ufern der 
Seen, oder vielleicht auch längs den Flüssen, bis in die historische Zeit 
herauf und Venedig selbst verdankt seinen ersten Ursprung wahrschein- 
lich der fortgeerbten Erinnerung an diese Bauweise. Die ältesten Pfahl- 
bauten scheinen jene der östlichen Schweiz, Oesterreichs und Mecklen- 
burgs zu sein, die aber doch später als die Kyöggen-Möddings Dänemarks 
zu setzen sind. Dann kommen die Terramare Italiens, Krannoga in 
Irland, in denen, sowie in den Pfahlbauten der westlichen Schweiz, die 
Bronze vorkommt. Die Pfahlbauten Preussens und des Neuenburger- 
See's führen bereits Eisenwaffen; Ch. Chantre fand in dem südlichen 
Frankreich endlich einen Pfahlbau, der bis in die karolingische Zeit her- 
aufreicht. Sie wissen, dass auch Dumont d'Ourville Pfahlbauten in 
den Südseeländern gefunden hat, sie also auch in tropischen Ländern 
vorkommen. In Robenhausen und Wauvyl fanden sich einige Fundamente 
und Böden so erhalten, dass wir über die Construction im Allgemeinen 
nicht unklar sind. Die Eichen oder Fichten wurden rund um den 
Stamm mit kleinen Beilen eingehauen, sodann angebrannt, bis sie nieder- 
gerissen und in derselben Weise abgeästet werden konnten. Diese dienten 
als Piloten und wurden dicht nebeneinanderstehend in den Seegrund 
gesenkt. Oben darauf kamen Querhölzer, die den Boden bildeten und 
auf denen die Hütten aber selbst in runder und viereckiger Form auf- 
gebaut wurden. Die Hlitten bestanden aus nur wenige Zoll dicken 
Stangen, die durch Flechtwerk verbunden waren, welches wieder mit 
Lehm von Innen und Aussen verschmiert war. Das Dach müssen wir 
uns von Schilf bedeckt vorstellen. In der Mitte der Hüttebefand sich 
der Herd. Ausser dem Fischfang und der Jagd wurde offenbar auch 
Ackerbau und Viehzucht betrieben, wobei wir uns das Vieh heerdenweise
	        

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