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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IV (1869 / 48)

 
verwerfen, der Cooperation des Staates, der Initiative der Regierung einen r 
viel grösseren Spielraum und höhere Ziclpunkte zuweist, als man auf . 
dem Uontinente in der Regel glaubt. Von diesem Gesichtspunkte aus 
gewinnt die Ausstellung der Union centrale eine grössere Bedeutung und 
greift weit über die Zielpunkte hinaus, welche von Ausstellungen gewöhn- 
licher Art verfolgt werden. 
In Sachen des Geschmackes wird der Franzose immer Franzose 
bleiben und um so besser sich aussern können, je weniger seine Ge- 
schmacksideen durch anssere oder innere Einflüsse alterirt werden. Mehr 
als einmal haben sich diese in Frankreich geltend gemacht; aber sehr 
bald streift. der Franzose das Fremdartige ab und kehrt seine Eigen- 
art hervor. Diese ist immer geistreich und anregend, nie tief, immer 
bereit fremde Elemente zu benützen und sich dienstbar zu machen. Heute 
ist es Italien, morgen Deutschland, heute England, morgen der Orient, 
mit dem Frankreich in eine geistige Allianz tritt, um sich zu befruchten 
oder zu ergänzen, wenn die eigenen Ideen oder die eigene Kraft nicht. 
mehr ausreichen. In dem heutigen Frankreich kreuzen sich vielfach 
deutsche Elemente mit englischen Ideen und Anregungen des Orientes. 
Deutsche Arbeit ist hier in Holzschnitzkunst, Kunstschlosserei thätig, 
der Orient greift in der Emailarbeit, der Goldschmiedkunst, der De- 
coration vielfach nach Frankreich herüber; England regt vielfach auf 
kerauiischem Gebiete an - aber in der Hauptsache bleibt der Franzose, 
was er ist, und bewegt sich gegenwärtig zwischen Renaissance und Empire 
auf den verschiedensten Gebieten der Kunst und Kunstindustrie. Leider 
ist das, was man grosse Kunst nennt, nicht bedeutend genug, um tiefer 
anregend auf Kunstindustrie zu wirken. Die Generation, welche einst 
Männer wie Philibert de Lorme, Ducerceau, Puget, in jüngerer Zeit 
Ingros, Delacroix, Delarochc hervorgerufen, ist ausgestorben, und da in 
der grossen Kunst Schwanken und Zerfahrenheit eingebrochen, darf man 
in der Kunstindustrie nicht Reinheit des Styles und grosse Ideen suchen. 
Aber Frankreich, das in der Bewegung, sich selbst zu finden, nicht durch 
das Ausland gestört wird, nie Staatsmänner gehabt hat, die bereit waren, 
wie es auf deutschem Boden der Fall ist, das Land fremden Nationen zu 
überliefern, Franzosen an Frankreich irre zu machen, - Frankreich hoiTt 
zu den grossen nationalen Ideen zurückkehren zu können, die seine 
Cultur geleitet, seine Grösse begründet haben. Wie wenig heutzutage 
diese grossen und gesunden Ideen dominiren, zeigt so recht sehr ein 
Blick auf die Kunst des Mobiliare in der Ausstellung der Union centrale. 
So weit überlegen die französische Kunsttischlerei der deutschen ist, und 
so sehr jene über eminente technische Kräfte, intelligente Fabrikanten 
verfügt, so ist doch kaum Ein Stück zu finden, das in seinem archi- 
tektonischen Aufbau vollkommen genügt. Bei allem geistreichen Detail, 
aller delicaton und graziösen Ausführung herrscht im Ganzen und Grossen
	        

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