Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Alte und Moderne Kunst I (1956 / Heft 2)

geförderten Wanderausstellung in Europa und in den USA gezeigt.

 Ähnlich liegen die Dinge heuer. Die Biennale zeigt drei

Retrospektiven: Delacroix, Juan Gris und Mondrian. Von

Delacroix wurden 76 Werke zusammengestellt, wobei auffiel,

daß der Akzent der Auswahl mehr auf den Historienmalcr als

auf den revolutionären Romantiker gesetzt wurde. Unter den

dreißig Zeichnungen vermißte man die expressiven Skizzen, unter

 den Olbildern überwogen jene Werke, die den Künstler als

einen „peintre official" zeigen, so die Entwürfe für Plafond- und

Wandmalereien, darunter auch der Kampf Jakobs mit dem Engel

aus dem Wiener Kunsthistorischen"Museum. Der geniale Landschafter,

 der von den Engländern eine neue Art des Sehens

empfing, ging dabei leer aus, er wurde nur durch ganz wenige

Beispiele dokumentiert.

Mondrian und Gris mußten sich mit je einem Saal begnügen. Der

Eindruck, den der Besucher vom Lebenswerk dieser beiden

Künstler empfing, wurde von der Erinnerung an die große

Mondrian-Ausstellung (Den Haag, 1955) und an die herrliche

Gris-Schau des Berner Kunstmuscums (1955) überlagert. Wohl

war die von Sandberg getroffene Auswahl der Mondrian-Bilder

höchst instruktiv und außerordentlich wirkungsvoll dargeboten,

doch reichte sie nicht aus, um dem großen holländischen Meister

der absoluten Malerei jenes Gewicht zu geben, dessen der Besucher

 inmitten der verwirrenden Fülle der Ismen oft bedurft

hätte. Auch Gris ist eine jener Persönlichkeiten unseres Jahrhunderts,

 deren Erlebnis einem die Dinge wieder ins Lot bringt.

Beide Maler besitzen eine Gcgenwartsaktualität, die noch lange

nicht ausgeschöpft ist und die auch von der Bicnnale nur angedeutet

 wurde. Bei künftigen Planungen müßte jedenfalls dafür

Sorge getragen werden, datS sich Venedig die Premiere zu sichern

weiß. Es geht nicht an, daß die Biennale ihre Retrospektiven aus

den Restbeständen großer Gedächtnisausstellungen zusammenliest.



Wie steht es nun um den vielfältigen Anteil der unmittelbaren

Gegenwart? Wie liegen die einzelnen Nationen „im Rennen"

und in welche Richtung tendieren deren wichtigste Vertreter?

Diese Frage ist schwer zu beantworten. Ob die Biennale der Ort

eines echten Rcchenschaftsberichtes ist, scheint fraglich. Ob ein

solcher überhaupt zu erbringen ist, wohl noch mehr. Und das

ist vielleicht gut so, denn viel bedenklicher schiene mir die Situation,

 sobald es einmal gelänge, im eben erst entpuppten

Jüngling bereits das Genie der kommenden Jahrzehnte zu

proklamieren und . nachzuweisen. Zum Glück tappen wir

immer im Dunkeln, sogar dann, wenn es der Publicity gelingt,

ein paar Leute in den Lichtkegel eines Augenblickserfolges zu

locken.

Der internationale Preis für Malerei ging an den Franzosen Jacques

 Villon, dessen Lebenswerk den l-lauptsaal des französischen

Pavillons füllt. Braque, Matisse, Dufy haben den Preis in früheren

 Jahren erhalten, - Leger hätte ihn verdient, doch kam

sein Tod dazwischen. Villon fehlt zum großen Meister eben

jenes Quantum Genie, das einen Gavarni von Daumier oder -

auf einer anderen Ebene - einen Holbcin von Dürer trennt. Man

könnte den Vergleich weiterführen und sagen, daß er durch

seine konziliante Auffassung der Formprobleme des Kubismus,

bei gleichzeitiger Wahrung der rationalen Basis und eines exquisiten

 Kolorismus, diesen zu einer geläufigen Kunstsprache

gemacht hat, ähnlich wie Gavarni es verstand, die graphische

Genialität Daumiers in die Breite zu tragen. Es ist auch bezeichnend,

 daß Villon sich eine Zeitlang mit Reproduktionsstichen

 nach Cezanne, Picasso und Braque sein Brot verdient hat.

Seit 194-5 ist sein Name, kunsthändlerisch geschickt lanciert,

allmählich immer mehr ins Gespräch gekommen und die Ehrung

seines Lebcnswerkes in Venedig trifft eine Persönlichkeit, die

als Mensch und als Maler ein charfaktervolles, noblcs Künstlertum

 verkörpert.

Der internationale Preis für Plastik ging an den Engländer Lynn

Chadwiek. Allgemein hatte man den Schweizer Giacomctti als



Abb. 2 Lynn Chndwlelt: Plullk (195?)

den liavoriten betrachtet, doch machte sich in der Jury eine

Tendenz bemerkbar, die vielleicht bei kommenden Biennalen

noch deutlicher hervortreten wird: Chadwick ist erst Zweiundvierzig

 Jahre alt; mit ihm wurde nicht nur ein Künstler geehrt,

sondern eine Persönlichkeit entdeckt, die bislang außerhalb

Englands kaum einen Namen besaß. Man entschloß sich also,

auf die jüngere Generation überzugehen und es ist anzunehmen,

daß diese Tendenz, sollte sie Schule machen, den moralischen

Wert der Biennale-Preise allmählich erhöhen wird. Chadwick

ist ein typischer Repräsentant der modernen englischen Eisenund

 Drahtplastik, doch geht er über Butler und Armitage durch

eine Materialkombination hinaus, deren Erfindung er für sich

in Anspruch nehmen darf und deren Ausdrucksmöglichkeiten

überaus reichhaltig sind. Der plastische Körper besteht aus

einem Rahmenwerk aus Draht oder Eisen, welches mit einem

Zementguß versehen wird, dessen Oberflächenstruktur entscheidend

 am Gesamtcharakter der Gebilde mit spricht. Riesigein

lilcdermäusen scheinen diese Gestalten zu gleichen, in denen

das Spitze und Schnabelige, das Krallige und Dornige den Formcharakter

 bestimmt. Dort, wo der Künstler das „Gebilde" (man

sollte hier nicht mehr von „Skulptur" sprechen) nach innen

öffnet, gelingen ihm phantastische, beschwörendc Formgebärden.

 Überhaupt ist der englische Zug zum Gcspenstischcn

vielfach spürbar.

Es sci abschließend versucht, dem Leser die Expositionen der

wichtigsten Länder in einem „tour d'horizon" vorzuführeni

Wäre ein Preis für den am besten ausgewählten Pavillon zu vergeben,

 so hätten wohl die USA gute Chancen gehabt. Vom Art

Institute of Chicago ausgewählt, zeigt ihr Pavillon eine Auswahl

von Städtebildcrn moderner amerikanischer Künstler. Vorzüglieh

 ein Dreiklang von Feininger, sehr eindrucksvoll Ben Shahn,

gleich daneben ein berserkerhafter de Kooning, wohl eines der

besten Bilder des abstrakten Expressionismus.

England zeigt neben Chadwick den halbabstrakten Hitchins, eine

Art englischer Max Weiler und ebenso dürftig wie dieser, sodann

 einige jüngere Realisten. Frankreich bietet neben Villon

einen Saal Dunoyer de Segonzac, dessen Auswahl keine Empfehlung

 für den Maler ist. Tal-Coat, ein großspurigcr Abstrakter

 mit einer lehmig-schmutzigen Palette, wird mit verhängnisvoll

 vielen Bildern vorgeführt, ebenso Bernard Buffet, der Verkünder

 der „tristitia" des cxistentialistisehen Jahrhunderts.

Vollkommen unverständlich ist es, wie man Adam, der wohl

den internationalen Graphikprcis verdient hätte (der an den

Japaner Munakata ging), in zwei schlecht belichtete Seitenka-17


            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.