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MAK

Full text : Alte und Moderne Kunst I (1956 / Heft 3)

DAS

ARCHIVO

GENERAL

DE

INDIAS

Von GUSTAV FESTENBERG

In der Nachbarschaft der Kathedrale zu Sevilla, in der Christoph

Columbus seine letzte Ruhestiitte gefunden hat (vier Überlebensgroße

 Slawen aus Erz, die vier dankbaren Königreiche, tragen

seinen Sarg auf ihren Schultern), steht die ehemalige Börse, ein

strenger, von Juan de Herrera erbauter Renaissancepalast, in

dem das Archivo General de lndias untergebracht isL-Nirgcnds

fühlt man Sendung und (iröße Spaniens tiefer als hier. In mehr

als dreitausend mächtigen liaszikeln werden alle Dokumente und

Akten über Entdeckung, Liroberung, Besiedlung, Christianisierung

 und Kultivierung der Neuen Welt aufbewahrt. Das wenige

davon, das unter Glas in Vitrinen und Wandtafeln zu sehen ist,

genügt, uns mit Bewunderung und Staunen zu erfüllen. Welche

Kraft, welcher Auftrieb muß diesem Volk innegewohnt haben,

daß es in demselben Jahr, in dem es den achthundertjährigen

Kampf gegen die Araber siegreich zu Ende führte, sich aufmaehte,

 neue Wege nach Indien zu finden und dabei auf den

vierten Erdteil stieß!

Von dem Abkommen zwischen König Ferdinand und Columbus

im Jahre 1492, dem Vertrag zwischen Spanien und Portugal über

die beiderseitigen Grenzen innerhalb der neuen Welt, einem erstaunlich

 weitbliekenden Dokument, aus dem man auf eine frühere

 Kenntnis und Besitzergreifung Portugals in dem südlichen

Amerika (Brasilien) schließen wollte, nehmen wir schrittweise

an den kühnen, vom ersten Augenblick an zielbewußten Aktionen

der Eroberer teil. Wir sehen eine Karte von Cuba und Hispaniola

(Haiti), die Columbus von Guanahani (San Salvador) kommend,

auf seiner ersten Reise entdeckte. Ein eigenhändig geschriebener

Brief an seinen Sohn Fernando (1494), eben den, der die unschätzbarc

 Bibliothek seines Vaters der Kathedrale von Sevilla

vermachte, unterrichtet über die Fährnisse der zweiten Reise.

Daneben ein Plan von San Domingo, das er anstelle des zerstörten

 liorts Isabella auf seiner dritten Reise gründete. Wir

lernen, daß Columbien zuerst Nueva Granada, Los Angeles Nueva

Espania hieß (1538). Mit Ponce de Leon betreten wir Florida

und bcliicheln die Landkarte, die es als Insel zeigt (1512). Cortez

', 'r0, beide in der Provinz Estremadura geboren, sind

durch Briefe und Berichte vertreten. Der Plan der Stadt Lima,

von Pizarro 1535 gegründet, mutet wie die Abbildung einer Spielzeugschachtel

 an. Jedes Haus ist in seiner Farbe wiedergegeben

und es fehlt nur, daß seine Bewohner aus den Fenstern schauen.

Gleich daneben überrascht uns ein phantastisches Bild (man will

es nicht eine Karte nennen) des Amazonas, auf dessen Quellen der

Bruder Pizarros, Gonzales, bei seinem Übergang über die Anden

stieß, und dessen Wassern er sieh mit seiner beherzten Schar

anvertraute. Zwei Jahre später, nach unendlichen Strapazen und

Entbehrungen, denen der Großteil der Mannschaft zum Opfer

fiel, erreichte er die Mündung. Dann ein Dokument über die

Entdeckung Californiens, „einer dürren, waldlosen Halbinsel"

von Cortez (1533), wohl einer seiner letzten Berichte; denn bald

danach fiel er in Ungnade und wurde nach Spanien zurückbeordert,

 wo er Jahre später (1547) einsam und unbeachtet in der

Nähe von Sevilla starb.

Diese ersten fünfzig Jahre nach Entdeckung der Neuen Welt

haben wohl mehr Abenteurer in Spanien hervorgebracht als die

tausendfünfhundert Jahre seit Christi Geburt. Aber man muß

verstehen: plötzlich war da ein Land von unabmeßbarer Größe

sozusagen aus dem Nichts, aus dem Meer emporgetaucht, ein

Erdteil mit unausschöpfbaren Schätzen, himmclstürmenden Gebirgen,

 maßlosen Strömen, endlosen Ebenen, unbegreiflichen Bewohnern.

 Und man brauchte bloß die Unbilden einer Seereise

auf sieh und den Degen in die Faust zu nehmen, um alles dessen



teilhaftig zu werden. Wie hätte da die Jugend eines Landes, das

die Arbeit geringschätzte, den Kampf liebte und allem Phantastisehen

 zugetan war, nicht zugreifen sollen? Und nicht nur in

Spanien. Wie fünfhundert Jahre früher die Christenheit von dem

Gedanken der Wiedercroberung des Heiligen Landes, so wurden

jetzt die seefahrenden Völker Europas von einem Entdeckungsfieher

 ergriffen. Mit einmal ließ ihnen die Vorstellung, daß da

jenseits der bekannten Kontinente noch unbekannte, unbetretenc

existieren könnten, keine Ruhe.

Doch sehr bald schon - man muß es zur Ehre Spaniens sagen -

werden die kriegerischen Ahenteurerbriefe von den sauber und

klar verfaßten Memoranden der Mönche abgelöst. Da sind vor

allem die Instruktionen des Franziskanergenerals aus dem Jahre

1526, vorläufige Richtlinien, die dann durch Papst Paul III. im

Jahre 1537 bestätigt und erweitert wurden. Im selben Jahr 1526

wird ein Bischofssitz in der Provinz Tlaxcala (Mexico) errichtet,

im Jahre 1534 unter dem Bischof Juan de Zumarraga die Kathedrale

 in der Stadt Mexieo begonnen. Aus einem Bericht der Padres

 Bustameme und de la Pena (1561) an König Philipp II.

treten uns die Vorkommnisse und Zustände in Mexico entgegen.

Die Weisungen Philipps II. an den Vizekönig Don Francisco de

Toledo aus dem Jahre 1568 gelten vor allem der Christianisierung

 der Eingeborenen. Man hat sich später darin gefallen, die

Ungerechtigkeiten, Härten und Grausamkeiten, die natürlich

unterliefen, dem Macht- und Goldrausch zur Last zu legen, der

die Eroberer ergriff. Doch steht heute außer Zweifel, daß die

erste und vordringlichste Sorge der Ausbreitung der Herrschaft

Christi auf Erden, der Errettung der heidnischen Seelen galt.

Wir Heutigen wissen, daß es ohne Härten und Grausamkeiten

nicht abgeht. Haben wir doch genug davon miterlebt und aus

weit unedleren Beweggründen, um weit niedrigerer Ziele willen!

- Vier Orden haben sieh vor allem um die Bekehrung der

„Indianer" bemüht: die Franziskaner, die Dominikaner, die Kapuziner

 und die Jesuiten. Ihre Missionskarten nehmen eine besondere

 Stellung ein. Da ist ein Plan von Altenpcc aus dem Jahre

1580, prächtig wie ein Gemälde; eine Ansicht von La Plata von

Alonso Maldonado (1609), von Carthagena von Pater Claver

(1619), vom Golf von Mexico und von Buenos Aires (1677),

Grund- und Aufriß der Kathedrale zu Guadalajttra (1689), eine

Karte des Mississippi (1699), von Manila (1720), der Insel Juan

Fernandez (1726), Nuevrt Mexieo (Arizona) (1727), alle von

Franziskanermönchen gezeichnet. Daneben Karten der Jesuiten

von den Gebieten von Moxos, Chiquitos und dem angrenzenden

portugiesischen Gebiet (1764). Aus den Jahren 1766 und 1770

liegen Berichte der Kapuzinermission in Venezuela auf und aus

derselben Zeit die Aufzeichnungen der drei großen Kolonisatoren

 Californiens Junipero Serra, Pedro Font a Monterrey und

Pedro liages. Bilder und Beschreibungen von den Trachten, Tänzen,

 Hütten, Tempeln der Eingeborenen, ihren Lehensgew0hnheitcn,

 Heilmitteln, ihren religiösen Zeremonien, ihren Göttern

und Götzenbildern mit genauer Erklärung ihres Wesens und XVirkungskreises.

 Nicht geringer ist das statistische Material. Eine

hydrographische Karte von Peru könnte heute verfaßt sein, ein

Bericht über die Schwierigkeiten bei Eintritt des Winters und

ihre Bekämpfung aus dem Jahre 1706 beweist geradezu modernes

Verständnis. Und wieder Pläne von Brunnen, Monumenten,

Parkanlagen, die bezeugen, wie bemüht man war, sich auch in

der Fremde mit Schönheit und Reichtum der Heimat zu umgeben.

Die Entwürfe und Genehmigungsurkunden der Landes- und

Stadtwappen von Cuba, Puerlorico und beinahe allen Staaten und

Städten Südamerikas, wie sie heute noch geführt werden. Land-26


            
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