MODERNE KUNST IN DEUTSCHEN GALERIEN
KANDINSKY, BONNABD, MAX ERNST UND NEUE GRAPHIK AUS PARIS
Von JORC LAMPE
Als vor einiger Zeit die Nachricht durch die Presse ging, daß
die Malerin und einstige Lebensgefährtin von Wassilij Kandinsky
anläßlieh ihres 80. Geburtstages am 19. Februar das in ihrem
Besitz befindliche Frühwerk Kandinskys aus der Zeit zwischen
1900 und 1914 der Stadt München stiften, und daß eben Mün-
chen diese Stiftung in seiner städtischen Galerie im Lenbaehltaus.
zeigen werde, versprach man sich mit Recht ein Ausstellungs-
ereignis von Bedeutung. Neben 23 Hintcrglasbildern, 15 Aqua-
rellen und Zeichnungen und 19 Farbholzschnitten, enthält die
Ausstellung in den völlig neu hergerichteten Räumen des Len-
bachhauses 177 Katalognummern, wobei auf die ganz frühe Zeit
vom Beginn der Münchner Zeit an 58 Ol- und Temperabilder,
auf die Murnatter Epoche 41 Olbildet" und auf die „Blaue Reiter"-
Zeit 21 Arbeiten allein in Öl entfallen. Große Teile des druck-
grapbisehen Werkes müssen erst gesichtet werden, ehe man sie
ausstellt. Die meisten der jetzt im Lcnbachhaus zur Schau ge-
stellten Bilder waren bisher entweder überhaupt noch nicht oder
doch seit mindestens 40 Jahren nicht mehr zu sehen, sodafl die
ganze Veranstaltung als eine Premiere, wenn nicht gar als „Ur-
auffübrung" bezeichnet werden kann.
Ein flüchtiger, wenn auch mehrstündiger Besuch der Ausstellung
allein ist kaum imstande, die gewonnenen Eindrücke im Sinne
eines Urteils abzurunden, doch kommt es wohl auf ein solches
auch gar nicht an. Kandinskys Stellung und Rolle in der euro-
päischen Kunst unseres Jahrhunderts sind ziemlich klar um-
rissen. Man schreibt ihm sozusagen allgemein weniger die „Er-
findung" als die „Durehsetzung" der sogenannten absoluten Ma-
lerei zu, wobei man allerdings hinsichtlich dieses Begriffes seine
Vorbehalte machen könnte. Die Ausstellung in München aber
ist trotzdem nicht Liberraschungsfrei, was besonders hinsichtlich
der ganz frühen Zeit und dann auch für die „Blaue Reiter"-
Epoche gilt. In jener wird dem Bcschaucr einiges zugemutet,
was er bei einer anderen Persönlichkeit als Kandinsky kurz und
schlicht mit „Kitsrh" bezeichnen würde.
Das gilt jedoch nicht für die Landschaftsmalerei. In ihr bemüht
sich vielmehr Kandinsky deutlich um den Durchbruch einer rein
aus der Farbe geformten Bildgestaltung, wobei es manchmal
wild und pastos und dann auch wieder fast transparent zugeht.
Erschreckend sind jedoch die figürlichen Kompositionen im Stile
von Bilderziihlungcn, die von Rittern und Ritterfräulein gar
Minnigliches mitzuteilen wissen. Der „reisige Ritter", der "Braut-
zug", die „Russische Schöne in der Landschaft", das „Reitcnde
Paar" und „Die Nacht" seien hier als Beispiel angeführt, doch
wäre auch manches der l-linterglasbildct" sowie der eine oder
andere Entwurf für den Umschlag zum „Blauen Reiter" ent-
sprechend zeugniswürdig.
Kandinsky (1866-1944), der ja bekanntlich als Nationalökonom
und Jurist begonnen und sogar eine Dozentur an der Dorpater
Universität bekleidet hatte, ehe er sieh der Malerei zuwandte,
studierte in München zunächst bei Azbe und dann bei Stuck.
Doch Stuck allein kann diese Mischung aus Kunstgcwerbe, aus
„KlimW-schen Zügen, aus byzantinisehem Mosaik, Pointillismus,
schlechtem Vllorpswede und süßlicher Poetik nicht hervorgerufen
haben. Wenn ferner auch die Zeit um 1900 herum an Vcr-
stiegenheit, an (jemütsflitter und -ornamentik nichts zu wünschen
übrig ließ und Tugend und Laster in Spitzenrüschen oder
„Schlangen"-Hiiute hüllte, so mufS doch schließlich auch etwas
aus Kandinsky selbst hinzugekommen sein, um eine derartige
Bildwelt entstehen zu lassen.
Abb. 1.
Gabriele Müntt-r: Kandinsky am "Feeusch, um 1910-1911.
Die Murnauer Zeit, die Jahre 1908 bis 1910, und das Leben mit
Gabriele Münter, dieser klaren, gesunden und einfach-selbst-
verständlichen Natur, bringen dann, wenn wir es richtig sehen,
die stärkste malerische Leistung in Kandinskys Kunst hervor.
Hier bricht tatsächlich Natur durch; das Geschraubtc, und auch
der Wille zur Methode und zum Dozieren und Demonstrieren
wird vom Sturm des Durchbruchs mitgerissen. Da wird Kan-
dinsky gleiehsam überwältigt. Da tattchen die ersten „Improvi-
sationen" und vor allem Landschaften wie die mit den Traum-
„Pferden" von 1909, die farbig ungeheuer intensive Komposition
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