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MAK

Full text : Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 3)

Kleine

(Qaltmenkztnde

Von

PAUL THUN-HOHENSTEIN

de seiner Aschel llr war ein tüchtiger Fachmann, der Herr

n. Als ich, vor sehr vielen Jahren, in Wien, das erstemal

en Geschiiftsladen in der Himmelpfortgasse betrat, brachte

einen älteren Kupferstich mit, der eines Rahmens bedurfte.

r Grün besah das Blatt sehr genau, dann murmelte er: „1780

1790." Damit verschwand er nach rückwärts und ließ mich

: gute XVeile allein. Als er wicderkam, hielt er in jeder Hand

zn alten Rahmen. Er legte beide vor mich hin und sagte:

1er von diesen zweien, ein anderer kommt nicht in Frage."

war kategorisch, und beide Rahmen waren schön. Ich wählte

tn von ihnen und habe meine Wahl nie bereut. Viele Jahre

:er - ich lebte damals in München - trug ich den Rahmen

Reparatur, weil cr an den geleimten Ecken ein wenig locker

'orden war. Der Mann musterte den Rahmen lange, dann

te er: „Das ist ein wunderschöner Rahmen, der muß aus

rn sein. Nur in Wien hat man so schöne Rahmen gemacht."

ich, manches Jahr danach, mich neuerdings in Wien niederw,

 war Herr Grün schon tot. Aber ahnungslos hat er mir seine

ude am schönen, am passenden Rahmen hinterlassen. Und

habe allmählich zugelernt: jedes Bild, das aufgehängt werden

, braucht einen Rahmen, das ist klar, aber jedes Bild hat

ten besonderen Wunsch, dem der Rahmen sich zu fügen hat.

' jeden Fall mul} er das Bild richtig umgrcnzen, er muß es

usagcn hermetisch abschließen. Dabei sind ihm zwei Exne

 verstattet: entweder muß er genauestens in die Entsteigszeit

 des Bildes passen oder darf er völlig zeitlos sein. Was

wischen liegt, ist allemal von Übel. Dieses Übel aber ist so

rankenlo; verbreitet, daß über die Erfordernisse jener zwei

reme einiges zu sagen ist. Der erstgenannte Fall stellt dem

kundigen ein einziges Problem, das er nur lösen kann, wenn

er auch über einigen Geschmack verfügt: so mancher Rahmen,

ganz besonders ein aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts

stammender mag, zeitlich gesehen, stilecht sein, aber sein Stil

ist nicht echt - man denke nur an die breiten goldgipsernen

Ungetüme, mit denen man damals Ölbilder „sehmückte" und

so um ihre Wirkung brachte. In dieser Epoche hat übler Geschmack,

 den es ja immer und überall gibt, geradezu Orgien

gefeiert. Man denke aber auch an die schönen Goldrahmcn, die,

in den gleichen Jahrzehnten, etwa Lenbach für seine Porträts

sorgsam auszuwählen wußte. Seither ist man freilich längst, aus

materiellen Gründen und wegen Raummangels, zu sehr einfachen,

 schmalen Rahmen übergegangen. Damit aber nähern wir

uns schon dem zweiten Extrem, dem völlig zeitlosen Rahmen.

Dieser ist für zarte, nur leicht getönte Blätter, insbesondere für

jede Art von Graphik, ganz unentbehrlich, aber er braucht einen

Helfershelfer, das gut gewählte und richtig dimensionierte Passepartout.

 Dieses wird für dunkle Blätter hell zu wählen sein,

weiß oder gelblich, für hell wirkende aber dunkler gehalten

werden müssen. Ein dünnes, ganz unauffälliges Holzstfibchen

gibt hier den besten Abschlull, wenn man es nicht vorzieht, das

Bild lediglich zu kaschieren. Aber selbst bei dieser einfachsten

Art der Rahmung kann man kleine Wunder erleben: das Unfertige

 einer Handzeiehnung weicht zurück, aber die hohe Fertigkeit

 des Künstlers tritt merklich hervor und gibt der Skizze

plötzlich unerwartete Bildhaftigkeit. Und gerade die Bildhaftigkeit

 ist es, mit der ein Kunstblatt, welcher Art es auch sei, am

unmittelbarsten und stärksten auf uns wirkt. Aber sie ist heikel,

man kann sie empfindlich verstören, auch wenn man nicht so

lebhaft fühlt wie jener Sammler, der behauptete, ein falsch gerahmtcs

 Bild irre ruhelos im ganzen Zimmer umher, immer

auf dcr Suche nach seinem richtigen Rahmen. Er ging noch einen

Schritt weiter: kein Bild dürfe an der Wand „kleben", denn

auch dies schaffe Unruhe. Auf meine kleinlaute Frage, was denn

da eigentlich zu tun sei, wics er auf seine Bilder und erklärte

mir, dali man den Haken deutlich sehen müsse, dazu noch ein

wenig von der rechteckigen Spange, mit der das Bild am Haken

hänge; denn Ringe lehnte er kurzwcg ab: „Da hängen die Bilder

 zu oft schief."

Weiß Gott, von dem alten Manne konnte man lernen. Weil jedes

richtig gerahmte Bild ein ruhiges, in sich geschlossenes Ganzes

sei, dürfe man ohneweiters, so meinte er, an einer und derselben

Wand Stile und Zeitepochen mischen - das sei nicht anders, als

säßen im gleichen Zimmer Großvater, Sohn und Enkel. Aber

diese vcrtrügen sich doch nur, wenn sie, menschlich gesehen,

etwas Gemeinsames an sich hätten. So sei es auch mit Bildern:

sie müßten, im künstlerischen Sinne, etwas Gemeinsames haben,

er nannte es das „Gekonnte".

An diesen sonderbaren alten Mann habe ich oft denken müssen,

wenn mir, was Rahmen tbetrifft, Ungeheuerliches vor Augen

kam. Das war gar nicht selten der Fall, am erschütterndsten vielleicht

 in jener alpenländischen Burg, die seit Jahrhunderten derselben

 Familie gehörte. Ich konnte Ahnenbilder bewundern, die

wohl noch nie die Wand gewechselt hatten - aber was war mit

ihnen geschehen? Der Vater des greisen Besitzers hatte um die

Mitte des 19. Jahrhunderts die vielleicht schon etwas unansehnlich

 gewordenen alten Rahmen entfernt und den spätgotischen

Tafelbildern die damals beliebten „BlondelP-Rahmen gespendet,

die an Bildern von Waldmüllcr, Danhauser, Gauermann stilrein

sind, für Gotik aber als Maskerade wirkten. Der Hausherr merkte

mein Erstaunen und versicherte mir, er wisse wohl, daß diese

Rahmen nicht recht entsprechend seien, aber aus Pietät gegen

den seligen Vater müsse er sie doch wohl belassen...

Ernster zu nehmen als dieser absonderliche Fall war die Notlage,

 in der sich in der lnflationszeit, zu Beginn der zwanziger

Jahre, die deutschen Maler befanden, die im Münchner Glaspalast

 ihre neuen Werke ausstellen wollten. Allgemein gültige

Bedingung war, daß jedes eingesandte Bild einen Rahmen haben

müsse, aber diese Forderung war für die meisten kaum erfüllbar.

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