Blick i
1 den Marmorsaal
Stuckreliefs, die die Längswände schmücken, weitergeführt. Den
meisten Personifikationen ist der Zirkel als Attribut beigegeben,
ein deutlicher Hinweis, daß es sich um Künste und Wissenschaften
des Messens und des Maßes handelt.
Neben diesen großen Reliefs befinden sich noch vier kleine, die
an den Enden der Längsseiten angebracht sind. Sie stellen Putten
mit den Attributen der vier Elemente dar. Im Westen finden
wir Feuer und Wasser, im Osten die Darstellungen von Luft
und Erde.
Was bisher seinem Ideengehalt nach aufgezeigt wurde, ist in
die festliche Pracht und in das bunte Gewand leuchtender Farben
gehüllt. Zwei farbige Grundwerte sind es zunächst, die den
Gesamteindruck des Saales bestimmen. Dem intensiven Rotbraun
des marmornen Fußbodens antwortet von oben eine kräftige
Farbigkeit, die von den figuralen Frcskenfeldern der Decke
ausstrahlt. Diese aber sind Durchbrüche in einem goldenen
Deckengrund, der hinter den in Steingrau gemalten architektonischen
Rahmenelementen der Deckenkonstruktion immer wieder
aufleuchtet. Im Hauptfresko selbst aber geht alle Farbwirkung
von dem Goldglanz der Apollogruppe aus. Vor diesem
Hintergrund scheinen alle übrigen Figuren kräftiger, konturiertcr
und aus dem Lichte hcrnicderschwebend.
Zwischen den Gold- und Rottönen der Decke und des Bodens
liegen die zarten Farbnuancen der Wände. Sie sind vorwiegend
mit graugrünen und zartrosa Tönen stuckiert. Hiezu stehen die
weißen Glanzstuckreliefs und die schwarz wirkenden Bilderwiindc
in einem kräftigen Kontrast. Alle Wandteile aber überziehen
in bewegtem Rhythmus vielfach verschlungene lineare,
netzartige und pflanzliche Ornamente. Ihr Goldglanz mit seinen
aufhlitzenden Lichtern korrespondiert mit dem Goldgrund der
Decke und erweckt die Faszination, als riesele geheimnisvoll
und unhörbar ein ständiger Goldregen von oben über die Wände
nach unten hin.
Der reiche und durchgegliederte Ideengehalt, der in den architektonischen
Mafl- und Zahlenverhältnissen und in der Farbcnsymbolik
des Raumes eine überzeugende sinnliche Repräsentation
erfährt, weist in allem und jedem über die Zweckbestimmung
einer bloßen Bildergalerie weit hinaus. Die wenigen Tafelbilder
in den drei mittleren Kompartimenten der Westwand rechtfertigen
diese Bezeichnung nicht. Ihre Funktion liegt vielmehr darin,
die Malerei „als der Architectur getreue (iehülffin" in ihrem
vollen Umfange, d. h. in ihren verschiedenen Gattungen -
Historie, Stilleben und Landschaftsbild - vorzustellen. Wie aber
die Mitte der Decke aussagt, ist der Saal in erster Linie Apollo
gewidmet, der ein Gott aller schönen Künste ist, aber auch der
Wissenschaften, der Harmonie und des göttlichen Lichtes. Damit
ist eindeutig auf den untrennbaren Zusammenhang von Kunst,
Wissenschaft und Moral hingewiesen. Ein bedeutendes und wesentliches
Motiv der barocken Weltanschauung ist hier veranschaulieht,
das nicht ohne bewußte Anspielung auf die Neigungen
und Interessen des Bauherrn verstanden sein will. Das
Apollinische gleicht dem Lichte, es wird daher als Ganzheit
und Summe aller bildenden und bildnerischen Kräfte verstanden.
Im Lichte und unter dem Schutze des Phöbus Apollo gedeihen
die Ideale des Wahren, Schönen und Guten. Sie allein
helfen die Laster zu überwinden und die dionysische Ausschweifung
zu bannen.
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