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MAK

Full text : Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 12)

Wenn Philip der Karläiuser fortfuhr in seiner Beschreibung: „mit

dryn neten (Nadeln?) uff die hanl hat sie gemacht das gewant",

so ist es möglich, daß er damit das Stricken schildern wollte,

eine verhältnismäßig junge Technik, die wahrscheinlich durch

die Araber nach Europa gebracht wurde. Hinweise auf diese

Technik finden sich vom 15. jh. an öfter, so im Paradicsgärtlein

vom Clusener Johannes (1410) „Maria de hadde eme knuttet. . 

(knütten : ndtsch. stricken), im Spcygel der dogede (Spiegel der

Tugend, Lübeck 1485) „se hebben umme den knutteden rock

gelottet", in der Passio Christi, Anlg, 16. jh. „do se quemcn to

synen underrock to delende, welck cm syn moder gcbreidet haddc"

 (brygdan, breidan, breden:slriekcn) und „Christi rock

dedc breydet was unde nyt gencyct . . f"

Durchau; ohne Parallele steht im Zusammenhang dieser Betrachtung

 ein Bild von Meister Bcrtram von Minden da: Der „Besuch

 der Engel" aus dem Buxtehuder Marienaltar (um 1390). Es

zeigt Maria beim Stricken des Rockes Christi. Sie verwendet also

eine im Verhältnis damals „moderne" Technik, während Veit

Stoß sie (100 Jahre später) eine wesentlich ältere Handfertigkeit

ausüben ließ. Bei der Anfertigung des ungenähten Roekes hat

sie die Vision des Leidens ihres Sohnes, das in Gestalt zweier

Engel mit Kreuz, Dornenkrone, Speer und Nägeln vor ihr inneres

Auge tritt. Nach Aff Ugglasß (und anderen) hat Meister Bertram

sich mit dem Inhalt dieses Bildes, der Vision, an die Offenbarungen

 der Heiligen Birgitta von Schweden (Buch 7 Kap. 8) angelehnt.

 Meister Bertrams Pilgerfahrt nach Rom fiel genau in die

Zeit der Kanonisation der H]. Birgitta, und Birgittinnen-Klöster

wurden damals im europäischen Norden häufig gegründet. Es ist

nichts wahrscheinlicher, als daß Meister Bertram den Inhalt der

Birgitten-Offenbarungen in Korn oder in Norddeutschland kennengelernt

 und das Thema. der Vision daraus seinem Bild zugrunde

 legte.

Das Thema der Mutter Gottes mit Handarbeiten hatte vor Meister

 Bertram und hat noch nach ihm manchen Künstler angeregt.

 Attribute ihres häuslichen Fleißes finden sich u. a. ebenso

auf einem Teil der Türflügel zu St. Zeno in Verona, wie bei

Petrus Christus, bei Caroto oder in Dürers Marienleben, wie

auch in Martino Piazzas „Vision der Maria".

Ziehen wir in Betracht, daß es aller Wahrscheinlichkeit nach die

Araber waren, die mit dem starken Intellekteinsehlag ihres Denkens

 unter all den vielen hohen Künsten der Wissenschaft auch

etwas heute so Alltägliches wie die Fertigkeit des Strickens mitbrachten,

 dann mag es umso bedeutungsvollcr anmuten, daß

Meister Bertram seiner Maria eine solche Arbeit in die Hände

gab. Das Stricken, so selbsverständlich und einfach es uns heute

erscheint ist eine Technik, deren Erlernen einen ganz bestimmten

 Einschlag des Intellekts erfordert, ohne den sich niemand

ihrer bedienen kann. Ihre Wirkung auf die Ausbildung des Intellekts

 ist bekannt. Keine andere Technik ist so ausgeklügelt,

daß man das ganze Werk spielend wieder aufzulösen vermag,

keine ist so Sinnbild für das Kollektiv, keine andere setzt so das

persönliche „Begreifen" voraus.

Das Mittelalter sah im Stricken „heidnisch werk" und schrieb

seine Erfindung dem Teufel und seiner Überklugheit zui. Meister

 Bertram hat vielleicht zufällig gerade dieses Handwerk abgebildet;

 aber es mag dennoch bedeutsam erscheinen, daß Maria

in dem Augenblick, als sie selbst ein Machwerk beendet, zu dem

des Teufels Übergcscheithcit als notwendig erachtet wurde, die

Vision des Opfertodes ihres Sohnes vor dem inneren Auge crsteht,

 auf die ihres Kindes wacher, Wissender Blick gerichtet ist.

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