Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 1 und 2)

DREIHUNDERT JAHRE FASCHING IN WIEN

Von ERWIN MI

"TAG

Fasching in Wien - das klingt zunächst wie der Titel eines billige

 Effekte visierenden Filmstrcifens. In diesen drei Worten liegt

indes ein ansehnliches Stück Kullurgeschichtc. In den Zonen der

Heiterkeit, des Lebensgenusses, der den Alltag überhöhenden

Impulse geben sich der Einzelne und die Masse in völliger Natürlichkeit.

 Sohin ist es nicht übertrieben, in der typischen Wienerisehen

 Art lieste zu feiern, einen Beitrag zur Psyche des Osterreichers

 zu suchen. Auch die Lustigkeit bewegte sich hierzulande

 innerhalb gewisser Grenzen, die sich von der Steifheit

eines bloß-formalen Pomps ebenso fernzuhalten wußte, wie vom

Ausarten ins Exzessive. Des lieben Augustin Lächeln unter Tränen

 und sein Widers el: die Sarkasmcn Grillparzers, deren Dissonanzen

 ihre Auflösung in einem Humor der Resignation fanden,

 bestimmen die Demarkationslinien einer Heiterkeit echt

österreichischer Prägung. Zu verschiedenen Zeiten verschieden

kostümiert, blieb sie ihrem Wescnskern nach stets die gleiche.

Es ist kein Zufall, daß die lückenlose Reihe der Wiener Faschingschronik

 in der Renaissance anhebt, jenem Zeitalter, von

welchem Papini aussagt, in ihm halten sich transzendcntalcs Streben

 und irdisches Sinnen die Waagschale. Nach Beendigung eines

dreißig Jahre währenden Zerstörungskriegcs jedoch schlug das

Pendel mächtig in die weltliche Richtung aus. l)ie notgedrungen

 lang gebändigte Lebenslust forderte ihre Rechte. Sie paßte

sich in ihren Äußerungen naturgemäß den einzigen Vorbildern

an, welche in diesen Zeiten maßgebend waren: dem Hof und dem

Adel. Beiden diente wiederum das kirchliche Jahr als Regulativ.

 Nimmt man die Hanswurste und Spaßmacher des niedrigen

Volkes aus, deren Beruf es war, zu allen Zeiten Tanzlust zu entfesseln,

 so kamen für die Abhaltung von Karnevalsfestlichk-eiten

bloß die Wochen vom Dreikönigstag bis zum Aschermittwoch in

Betracht. In zahlenmäßiger Hinsicht überstiegen jedoch die Lustbarkeiten

 des Volkes die Feste der Gesellschaft. „Sonntag und

Feiertag hörte man ein beständiges Geigen, Leiern, Springen,

Tanzen in allen NVirts- und Schankhäuscrn, nachmittags bis in

die Nacht" berichtet ein Schweizer Kleriker als hervorstechendstcn

 Eindruck eines Wiener Reisebesuchs in den Fasehingstagen.

Daß Türkennot und Pestepidcmie eine bereits zur Tradition ge-



Das Elysium in Wien in einem unterirdischen Tanzsaal des Seiterhules.

Llthogruphle von Albrecht.

„Wiener Faschingslust."

wordene liaschingsfrcudigkeit wohl vorübergehend einschränken,

aber keineswegs aufheben konnten, beweist die schon damals

erreichte Bodunstiindigkcit und Popularität der Institution.

Unter Karl Vl., dem Spanier auf dem deutschen Kaiserthron,

bekam der Fasching wohl zuweilen etwas gravitätische Züge.

Dem Tanz gesellten sich andere Vergnügungsarten wie Schlittenpartien,

 Karusscllc, Liebhabertheatcr, maskierte Redouten.

Aber unter den Fesseln eines von barocker Geistesanschauung

diktierten Protokolls, entfaltete sich unverkennbar die echt wicnerische

 Lebenslust, die sich grundlegend von dem Prunk Versailles

 und der an anderen europäischen Höfen üblichen Abgezirkeltheit

 unterschied.

In den Rcgierungsjahren Maria Thercsias wird Wien zur Wiege

der (Eenieepochc kla ischer Musik. Daß die Heroen der Musik

ihre Kunst nicht allein in den Dienst der ernsten Muse stellten,

war durchaus im Sinn der Wiener, von welchen Schiller aussagt,

sie verzeihen nicht, daß man sie um ein Spektakel betrüge. Keine

Geringeren als Gluck, Haydn, Mozart verschöntcn diese .,Spek-



11
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.