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Full text : Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 6)

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Paul Cassirer in Berlin einen Vertrag, geht nach Berlin und wird

Mitarbeiter der Zeitschrift „Der Sturm", einer Gründung des

Literaten Herwarth Walden, die in der Geschichte des deutschen

 Expressionismus auf jahre hinaus eine Schlüsselstellung

einnimmt. Universalistische Züge zeugen von der inneren Spannweite

 Kokoschkas: Er verfaßt Dichtungen und Dramen, - wir

nennen „Die Träumenden Knaben", die Einakter „Sphinx und

Strohmann" und „Mörder, Hoffnung der Frauen" (alle 1907)

- und zeichnet seine Ansichten über die Quellen künstlerischen

Schaffens auf: „Von der Natur der Gesichte" (1912). Im Fazit

ist Kokoschka damals schon der Schöpfer des expressionistischen

Bühnenstücks und nimmt damit eine historische Position ein, die

seinen Namen auch von dieser Seite her unsterblich macht.

Nochmals eilen unsere Gedanken zu van Gogh zurück, wir erinnern

 uns an das langsame, qualvolle Werden dieses Künstlers,

dem nur ganz wenige Jahre einer späten Erfüllung, bereits an

der Wende vom vierten zum fünften Daseinsjahrzehnt, beschert

waren. Wir denken an die erschütternde Kontaktlosigkeit des

Künstlers, an sein verzweifeltes Ringen um Mitteilbarkeit, um

Verständnis, um ein wenig Erfolg als Zeichen des Beweises der

Richtigkeit aller Bemühungen. Und wir wollen auch nicht vergessen,

 daß van Gogh so keinerlei Beziehung zur Großstadt

hatte - es hielt ihn weder in London, noch in Paris - während

Kokoschka ohne die Atmosphäre der großen Metropolen nicht

zu denken ist. Und eines noch: van Goghs Menschen sind

schlichte Typen aus dem Volk, Genossen seines Alltags, Freunde

in einem ganz spontanen, einfachen Sinn. Kokosehka sucht und

findet seine Modelle in der Frühzeit in den Kalfeehäusern der

Literaten; sie sind Schauspieler, Kritiker, Dichter, sie kommen gelegentlich

 aus der Welt des Adels (Baron v. Dirsztay), meist aber

gehören sie dem avantgardistischen, intellektuellen Judentum

an (Herwarth Walden, Karl Kraus). Und das ist ja das Großartige

 an Kokosehka, die Entdeckung nämlich, daß die für das

Zeitgeschehen entscheidenden Menschen jener Tage, all die also,

die ihre Hand am Pulsschlag der Zeit hatten, jener Atmosphäre

einer immer wieder ins Frivole hinüberspielenden, sich in Aphorismen,

 Floskeln, Apereus und Witzen äußcrnden Geistigkeit ingehörten,

 deren Heimat der Boulevard, die Redaktion, das Kaffeehaus,

 das Theater war. Kokoschkn hätte - allen Skandalen zum

Trotz - alle Chancen gehabt, zum Maler der „großen" Gesellschaft

 der Vorkriegszeit zu werden. Auch hier war es ausschließlich

 sein eigener, durchaus unerwarteter Weg, der ihm die Unsterblichkeit

 sicherte.

Ohne Zweifel ist die Geisligkeit jener Tage entweder „zursetzend"

 im Sinne bürgerlicher Konvention gewesen, oder abrr

folgte sie dem Dmnge zum Esoterisehen, floh also bereits ins

jenseits, ehe ihre Träger noch das Diesseits verlassen ltlllcn.

Auch Kokosehkas Kunst ist in diesem Sinn ein „Fcrment der

Dekomposition" (Werner Sombart über die Juden) und lührt dadurch

 in die Sphäre sublimster Geheimnisse ein. Faistauer schrieb
            
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