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MAK

Full text : Alte und Moderne Kunst IV (1959 / Heft 1 und 2)

Abb. 6:

Henne und Kücklcin (9 Jahre)





Abb. '

: Kopfweh der Hexe (6 Jahre)

Denn hat das Kind von der frühen Kindheit bis zur Pubertät

aus seiner unbewußten Fülle die Erwachsenen gleichsam zu

speisen und, wenn schon nicht zu führen, so doch wenigstens die

offenen und bereiten Geister unter ihnen in sein Traumland

zu „entführen" vermacht, so fängt jetzt erst die eigentliche

Gegenleistung der Erwachsenen an. Sie haben die zum Teil

noch ziemlich hilflosen Tapsch- und Krapschversuche der erwachenden

 und neugierigen Ratio des Kindes mit größter Behutsamkeit

 an die Schwelle eines geistigen Bewußtseins heranzuführen.

 Daß hierzu mehr gehört als eine lehrhafte Wissensstcii-Vcrmittlung,

 versteht sich wohl von selber, wie es auch

nicht nötig ist, erst ausdrücklich darauf hinzuweisen, wie außerordentlich

 empfindlich das Kind in der Pubertät in seinem sozusagen

 unverschalten und damit ungeschützten Zustand ist.

Greifen wir von hier aus auf dic Frage des Bildnerischen zurück,

so hört also im gleichen Maße, in dem die Ratio erwacht, das

Spiel der unbewußten Äußerungen und Sichtbarmachungen aus

einer noch ungebrochenen und beherrschenden Innenwelt auf,

weil die Besitz ergreifen wollende Hinwendung zur äußeren

Realität alle Energien und Impulse für sich in Anspruch nimmt.

Zugleich aber ist mit diesem Begreifen wollen auch schon der

erste Schritt oder wenigstens die sachliche Voraussetzung zu

einem erkennenden Tun gegeben, das die vorher in völliger

Unschuld und Instinkthaftigkeit verwendeten bildnerischen Mittel

 nun langsam mit Überlegung einzusetzen nicht nur möglich,

 sondern auch zu einem verlockenden Abenteuer macht,

sofern der Lehrer, der Erzieher es selber als ein solches versteht

 und zu vermitteln weiß.

Hier muß man sich darüber klar sein, daß das Kind vor der

Pubertät eigentlich noch gar nicht wirklich auf Entdeckungen

und Abenteuer ausgeht, sondern auch das „Hänschen klein",

das „in die weite Welt hinein" geht, nur einen Aspekt seiner

Innenwelt mit einem anderen vertauscht. Das Kind läßt sich

einfach von den Elementen oder, wenn man es poetischer haben

will, von den Flügeln des Wunders tragen. Es gehört sich also

noch gar nicht selber, sondern, durch seine Innenwelt, dem

tatsächlich wunderbaren Erlebnisbereich der Märchen und der

Träume an. Erst mit der Pubertät wird dieser Traumkontakt

durchschnittcn. Das Kind fällt aus den Wolken auf die Erde,

und jetzt erst wird das wirkliche Einzel-Ich geboren, für das

eben die Entdeckungen und die Abenteuer beginnen, die immer

ein Frcmdsein und zugleich die Sehnsucht und den Willen, es zu

überwinden, zum Grunde haben.

Die richtigen Konsequenzen hieraus für die bildnerische Erziehung

 oder Schulung zu ziehen, wäre ungleich leichter, wenn

man die entsprechenden Vorstellungen nicht immer gleich mit

solchen von der „Kunst" verquickcn wollte. Natürlich muß man

dem jungen Menschen nicht nur kunsthistorische Daten, sondem

 auch die Kunst an sich vermitteln oder doch zu vermitteln

trachten, wobei der Grad der bildnerischen Wachheit für das

Verständnis für die Kunst von nicht geringer Bedeutung ist.

Denn Kunst, die ja keineswegs das Mitbringsel von einem olympischen

 Spaziergang, sondern das Ergebnis eines schweren Ringens

 um die Form ist, wird von einem bildnerisch geweckten

Menschen hegreiflicherweise leichter aufgenommen als von

dem, der bloß Bildinhalte vergleicht und wertet. Doch ist es ein

Irrtum, wenn nicht gar grober Unfug, das hildnerische Tun des

jungen Menschen auf irgendeine und sei es eine noch so verschämte

 Weise als ein „künstlerische-s" anzupeilen. .

Gerade nach der Pubertät nämlich geht es im Bildnerisehen statt

um fertige „Werke" vor allem um das Experiment, das heißt um

die Ausweitung und Vertiefung der Erfahrung von den Möglichkeiten

 im Bildnerischen selbst. Handcltc das Kind vorher

gewissermaßen aus dem Magnethereich des Bildnerischen heraus,

 so muß es jetzt mit wachsender Überlegung und bewußter

Bereitschaft sich in seinem universalen Kraftfeld zurechtfinden,

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