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Full text : Alte und Moderne Kunst IV (1959 / Heft 10)

IN MODO AUSTRIACO

ZUM TODE ALFRED KUBINS

IN MODO AUSTRIACO

ZUM TODE ALFRED KUBINS

Der Tod des dreiundaehtzigiiihrigen Kubin hat eine Flut von

ausführlichen Nachrufen hervorgerufen. und man kann mit

einiger Sicherheit sagen, daß auch dieser hier nicht der letzte

sein wird. Denn wenn es einem österreichischen Künstler zu

unserer und seiner Lebzeit vergönnt war, populär zu sein, dann

war es Kubin.

I)as ist. auf den ersten Blick wenigstens, nicht ganz leicht verständlich,

 denn die Zeichnungen dieses einzigartigen Künst .:

weisen doch alle jene Zügc auf, die der zeitgenössischen Kunst

von den Nichts- und Zuvielwissern angekreidet wurden und

werden. Sie sind nicht schön im eingängigen Sinn des Wortes,

ja, sie sind mit ihren struppigcn Liniengewirren viel öfter ausdrücklich

 hätilieh, stellen samt und sonders durchaus unheimliche

 und ungute Dinge dar, können also keinesfalls zu Zwecken

seelischer oder moralischer Erquickung verwendet werden, und

wenn sie eine über den Bildrand hinausgehende Aussage treffen,

dann bezieht sie sich gleichfalls nicht auf die höheren, sondern

auf die tieferen Gegenstände der Menschheit, auf Tod, Not und

Zerfall. Andere Künstler, Kokoschka zum Beispiel, sind auf

Grund weit weniger Indizien in die Verbannung geschickt oder

auch, wie Schiele, hingerichtet worden. Kubin, ein außergexxtöhnlicher

 Fall in unserem Lande, ist hingegen auf Grund all dieser

Indizien volkstümlich geworden.

So volkstümlich, daß sogar die österreichische Wochenschau, die

als Massenkommunikationsmittel sonst Leichcnfeierlichkeiten

eher abhold ist, dem toten Kubin einen ausführlichen Nachruf

widmete. Sie löste dieses für sie einigermaßen extravagante

Problem derart, dall sie in eine ausführliche Reportage des Begriibnisses

 Aufnahmen von Kubinzeichnungen einschnitt, wie sie

sich im Archiv eben fanden - einer llalbtotalc des Schärdinger

Lciehenzttges folgte ein Ausschnitt aus einem Totentanzbltttt,

einer gefilmten Zwickledter Landschaft eine gezeichnete und so

fort. Diese etwas grobe. immerhin aber anspruchsvolle Schnittmontage

 verfehlte ungeachtet ihres Mangels an Wochenschaugemiißer

 Gedankenschlichtheit im Publikum ihre Wirkung nicht,

fitnd sogar dessen einhellige Zustimmung, und brachte schließlich

 ungewollt eine bedeutsame Erkenntnis: daß nämlich die

Kunst des großen alten Zauberers sehr viel welt- und wirklichkeitsnäher

 war, als man es im Interesse der Wirklichkeit eigentlich

 gerne zugehen möchte. Kubin hat seine Figuren, Landschaften

 und (Üiespenster nicht erfunden, er hat sie gefunden, in

sich, vor sich und in aller Realität. Seine 'I'raumstadt Perle liegt

eine halbe Stunde von Zwickledt entfernt und heißt Passau;

Urwälder und lVlorastc fand er in der Wildnis und in dem komischen

 kleinen Teich seines Gartens, verlassene Mühlen und

windsehiefe lcliiuser gibt's bei Zwickledt genug. lir bedurfte nicht

der Phantasie, um sein so sehr umfangreiches Oeuvre zu verfassen,

 es waren vielmehr Wahrheitsliebe und eine freilich

geniale Beobachtungsgabe, die ihm die Feder führten, so phantastisch

 die Resultate ihrer Bemühung auch immer gewesen sein

mögen. Darum eben bedarf es auch keiner besonderen Anstrengung,

 keiner intellektuell oder ästhetisch nachschöpferischen

Leistung. um seine Zeichnungen zu verstehen - es genügt dazu

dieselbe naive Anschauung, die man etwa der (Jeriehtssaalrtilirik

einer Nachmittagszeitung widmet. (Daß die naive Anschauung

nur einen Bruchteil vom Wesen dieser Kunst erfaßt, versteht

sich von selbst.)

(Jleichwohl ist auch daraus noch nicht Kubins außerordentliche

Volkstümlichkeit zu verstehen. Man muß zu ihrer Erklärung

vielmehr ein anderes Charakteristikum seiner Blätter anführen

- und zwar das ihrer Gemütlichkeit. Ich weiß wohl, dafS dies

s

ein sehr zweifelhaftes Wort für eine mindestens ebenso zweifelhafte

 menschliche Verhaltensweise ist. L'nd dennoch trifft es

auf die Kubinschc Bilderwclt zu wie kein anderes. ja, diese,

Welt ist trotz aller Schrecknisse und trotz ihrer Zerfallenheit

gemütlich, ist sogar behaglich, in aller Unheimlichkeit heimelig

- keiner, der die Stadt Perle betritt, denkt daran, sie zu verlassen.

 (Die Lektüre dieses großartigen Kubin-Romanes sei dringend

 empfohlen; er ist der österreichische Schlüsselroman

schlechthin.)

Eben dieses Behagen am Ungemütlichen, diese Geborgenhcit im

Gespenstischen aber scheint im österreichischen, insbesondere

aber im wienerischcn Publikum auf inniges Verständnis zu

stoßen. lirci nach Ncstroy liegt im Wesen des Wieners der llarm

gleich unter der Decke der Gemütlichkeit, aber dieses XVort ist

umkehrbar: über und im llarm liegt auch Gemütlichkeit. lis gibt

nicht eine einzige Biographie eines halbwegs namhaften Östew

reichers, durch die unsere Behauptung nicht eine erschreckend

schlagende Bestätigung fände -- so wie es kein noch so banales

Wiener lleurigenlied gibt, in dem nicht auf oft bizarr unvermittcltc

 Art des unausweichlichen Todes gedacht würde.

„...geht die Welt gleich morgen unter, sowas kann uns net

schenienn", denn man kann es sich bis dahin ja noch gemütlich

machen. Womit errang sich der Wiener Lokalgenius den Rang

eines solchen? Durch ein am Rande der Pestgrube verfaßtes

Lied auf den Weltuntergang, das jedoch im Walzertakt gesungen

 werden muß.

jedes Volk hat das Bedürfnis, seine ihm eigentümliche Dämonie

formuliert und dargestellt zu sehen. Kubin hat das für das

Österreichische getan. Darum ist er in Österreich volkstümlich

- so volkstümlich, daß selbst die Wochenschau sein Begräbnis

filmte,

Von JÖRG MAUTIIE

Aus der IV. Deutschen Kunst- und Antiquitätenmesse

 München 1959, im Haus der Kunst



Albert Guyp, monogr. und datiert 16W.

Leinwand, 108 X 82 cm.

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