Als in den schicksalsschweren Jahren um 1520 die Scharen der Spanier unter Cnrtcz ins Herz Mexikos vorstießen,
vollzog sich die Begegnung zweier Kulturkreise, die zeitlich zwar auf einer Ebene standen. entwicklungsgeschichtlich
aber durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt waren; man kann die Kulturen Mittelamerikas, die in der Zivilisation
der Azteken gipfelten, in keiner Weise mit unserem Mittelalter vergleichen, ja nicht einmal mit der klassischen.
mittelmeerischen Antike. Ihre nächsten „inneren" Verwandten in der Alten Welt sind ohne Zweifel die Hochkulturen
des Alten Orients, also Ägyptens, des Zweistromlandes, des Industals. Die seit eh und je festgestellten äußeren Ähnlichkeiten
- auch mit der Kunst des ältesten China - lassen sich sicherlich nicht durch äußere, materielle Einflüsse
erklären, sie entspringen vielmehr einer verwandten inneren Verhaltensweise, die wohl in der Tatsache gipfelt, daß
i.n den erwähnten Kulturbereichen alles Leben bis hinab in die kleinste, scheinbar belangloseste Äußerung nunminos,
bedeutungsgeladen, bezugreich, total eingesponnen in ein kosmisch orientiertes, durch feste zeitliche Rhythmen gegliedertes
System war.
Wir können noch einen Schritt weitergehen: Da die Gemeinschaftswesen Mittelamerikas im Gegensatz zu denen des
Alten Orients keinesfalls über eine straffe, restlos und konsequent durchorganisierte Staatsform verfügten, sondern
- selbst noch unter den spätzeitlichen Azteken - nicht viel mehr als etwas fester gegliederte Stammesverbände,
da fernerhin die Kunst der Metallverarbeitung in rein technischer Hinsicht (keinesfalls künstlerisch!) erst in Ansätzen
bekannt war, nehmen die Kulturen Mittelamerikas die gleiche Position ein wie etwa das Ägypten der letzten
vor- und frühdynastischen Zeit; sie stehen gleichsam mit einem Bein noch im Ncolithikum, darin unterschieden auch
von den mächtigen, straff zentralistisch geführten, weit stärker auf das Zivilisatorische hinstrebenden Gemeinwesen der
Inkas in Südamerika.
Die Katastrophe, die beim Zusammentreffen der Spanier mit den Azteken entstand, war damit von zwangsläufiger
Natur, denn es gab in den Weltbildern beider Elemente nichts Gemeinsames, Vergleichbares, apriorisch Verständliches:
Die Kulturen Mittelamerikas mußten unterliegen, weil sie älter waren, weil ihr durchaus archaisches Denken
jegliche fruchtbare Kontaktbildung ausschloß.
Als wichtigster Wesenszug der Kulturen Mittelamerikas haben wir bereits den theokratischen Charakter all den
kleineren und größeren, älteren und jüngeren Gemeinwesen hervorgehoben. Ein weiteres Charakteristikum ist die
große Vielfalt von Stammes- und Staatsgebilden, mit denen wir es zu tun haben. Die Basis, auf der sich das so reich
differenzierte, mannigfaltige Gebäude der Kulturen Mittelamerikas erhebt, ist die sogenannte „archaische", auch
„fot-rnative" genannte Periode der „Mittleren Kulturen", deren Anfänge bis in die Zeit um 1500 v. Chr. zurückreichen.
Es handelte sich hiebei um in europäischem Sinn echt jungsteinzeitliche, locker gegliederte Gruppen von Stämmen
und Individuen, die neben den genetisch älteren Ernährungsformen des Fischens, Jagens und Sammelns den Anbau
von Mais und Bohnen betrieben, mit der Verwertung der Baumwolle vertraut waren, keramische Produkte zur Aufbewahrung
von Lebensmitteln anfertigtcn und Werkzeuge aus Stein, Knochen und Holz verwendeten. Zeremonialcharakter
bestimmte das Leben, das Sakrale dominierte über das Profane.
Die älteste Gemeinschaft, die aus dieser allgemeinen Grundlage erwächst und Anspruch auf den Titel „Hochkultur" erwerben
kann, entsteht in den Schwemmland- und Sumpfgebieten im Süden des heutigen mexikanischen Teilstaates
Vera Cruz; es handelt sich um die Kultur der „Kautschukland-Bewohner", der „Olmeken", die heute nach dem Hauptfundort
La Venta-Kultur benannt wird. In der Zeit von etwa 1200 bis 200 v. Chr. werden Zeremonialzentren mit
festumrissenen Höfen und Pyramiden errichtet; besonders hohe Leistungen werden in der Bearbeitung der „Grünsteine"
Jade und Nephrit vollbracht. Monolithköpfe im Gewicht von etwa 30t entstehen, kalendarische Formeln
finden sich auf steinernen Türstöckcn und Stelen. Während kleine Tonfigürchen den Stil der „Mittleren Kulturen"
fortführen, schaffen die Olmeken ihre ureigenste Leistung in Gestalt sehr unheimlicher, bald an Kleinkinder, bald an
Krüppel mit deformierten Schädeln erinnerndcr Figürchen aus hartem, hochpolitiertem Steinmaterial; diese „babyface"-Typen,
deren eigentliche Bedeutung unbekannt ist, lassen immer wieder an den Archetyp des „Göttlichen Kindes"
etwa in der Art des etruskischcn, gesetzgebenden, erdentsprungenen Knaben Tages denken. Sehr wahrscheinlich
sind die Olmeken auch Erfinder des miese-amerikanischen Zahlensystems und des daraus resultierenden Ritualkalenders
von 260 Tagen. Die Mayas, über die noch zu sprechen sein wird, bauten ihn zu einer astronomischen Genauigkeit
aus, die die Präzision des julischen Kalenders weit übertraf: Das Jahr zerfiel in 18 Monate zu 20 Tagen, die restliehen
fünf Tage wurden als intermittierende, unheilbringende Periode angefügt. Es scheint überhaupt, als ob sich in
den Mayas der Gcsamtcharakter der mittelamerikanischen Kultur in seiner Stellung zwischen einer geistigen Jungsteinzeit
und einer machtvoll einsetzenden Hochperiode am klarsten ausprägen würde; diese Leute, die als einzige eine
voll ausgebildete Hieroglyphcnschrift besaßen, deren astronomische Kenntnisse nicht genug bestaunt werden können,
die über eine nach Millionen Jahren zählende Zeitrechnung mit mythischem Ausgangspunkt verfügten und mit der Erfindung
der Zahl Null eine Leistung vollbrachten, die weder den Griechen, noch den Römern gelungen war, kannten
die Töpferscheibe ebensowenig wie das Prinzip der echten Wölbung. Saiteninstrumente waren ihnen fremd, Räder
brachten sie -- darin den Chinesen gleich, die mit der Erfindung des Schießpulvers nichts Rechtes anzufangen wußten
- nur an kleinen tönernen Kultfigürchen von gleichsam spielzeughaftem Charakter an. Von der Pflugschar
wußten sie genau so wenig wie von Waffen aus Eisen, doch in der ersten Blütezeit (etwa 330 v. Chr. bis 630 n. Chr.)
entstanden in Uaxactum, Tica und Copan riesige Zeremonialzentren, während die „Große Periode" (730 bis 900 n. Chr.)
eine Kunst des Flachreliefs hervorbrachte, die in ihrem technischen und formalcm Raffinement nur mit den Leistungen
des Alten Reichs in Ägypten verglichen werden kann. Vor einem Jahrzehnt wurden in Bonampak Wandgemälde
entdeckt, die mit der drängenden Fülle ihrer sich vielfältig überschichtendcn und übcrschneidenden Figuren
Aspekte vorwegnehmen, die erst wiederum die Kunst des heutigen Mexiko (Orozco, Siqueiras) charakterisieren. War
der Sitz der Maya-Kultur ursprünglich das Gebiet südlich der Halbinsel Yukatan, so verlegte sich im 9. Jh. n. Chr.
das Schaffenszentrum auf die Halbinsel selbst, deren Hauptkultzentrum Chichen Itza (das freilich schon im S. Jh. gegründet
worden war) prächtig ausgebaut wurde. Auch in Uxmal, Sayil und Kabah entstanden gewaltige Tempelpyramiden,
wuchtige Paläste, Prunkbauten, geschmückt mit der „Rüsselmaskf des Rcgengottes.
Doch im 11. Jahrhundert setzte die Invasion der aus dem mexikanischen Hochland kommenden Tolteken dieser „Renaissance"
ein jähes Ende; die Tolteken importierten ihre eigene, qualitativ nicht immer gleichwertige Kunst, sie
stellten z. B. im „Tempel der Schilde und Jaguare" in Form von Fresken ihren Sieg über die Maya dar, wobei sie sich