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Full text : Alte und Moderne Kunst V (1960 / Heft 5)

DüfUUÄU PJIULLIUJIäKCIL

in Österreich

ANNA CORETH

Innerhalb des Reichtums katholischer Frömmigkeitsformen

 gibt es solche, die bestimmten Epochen, aber auch

bestimmten Nationen und Gebieten eigen sind. Man kann

von religiösen Kulturkreisen sprechen, die darauf zurückzuführen

 sind, daß Menschengruppen und ganze

Völker sich besonderen religiösen Impulsen gegenüber

aufgeschlossen haben. Ganz gewiß ist die Zeit des Barock

für Österreich eine Epoche, die eminent empfänglich für

religiöse Anregungen und deren Ausdrucksformen war,

und dadurch einen Iirömmigkeitsstil geschaffen hat, der

noch heute spürbar ist.

Diese Frömmigkeit wurde nicht zuletzt vom Herrscherhaus,

 das sich seiner religiösen Mission im Rahmen der

katholischen Kirche sehr bewußt war, getragen und erhielt

 durch dieses spezielle Akzente. Es gab damals eine

für die Mitglieder der Casa de Austria verpflichtende

Haltung, die als „Pietas Austriaca" bezeichnet wurde.

Sie besagt zunächst, daß die Religiosität an sich die erste

und wichtigste der Herrschertugenden sei. In jenem

kleinen Schriftchen, das unter dem Titel „Princeps in

compendio" für den jungen Ferdinand III. verfaßt worden

 ist und später noch „diejenige Richtschnur" war,

nach der „alle österreichischen Prinzen in der Regierungskunst

 unterwiesen" wurden, ist diese Haltung umrissen.

 Der Fürst ist Gott verpflichtet, bekommt von ihm

seine Macht und dient ihm als dem König der Könige.

Diese Gesinnung beherrscht auch die unter Leopold I.

errichtete Pestsäule am Graben in Wien: der Kaiser liegt

vor der heiligsten Dreifaltigkeit auf den Knien und opfert

ihr im Symbol der Krone seine Reiche auf. Durch sein

Gebet, durch den „sieghaften Glauben" wird

die Pest gestürzt.

Über diese grundlegende Einstellung des christlichen

Monarchen hinaus waren es vor allem drei Glaubensgeheimnisse,

 die für die Mitglieder des Hauses Habsburg

in besonderer Weise verpflichtend waren: die Verehrung

des Altarsakramentes, des heiligen Kreuzes und der jungfrau

 Maria, insbesondere unter dem Symbol der Unbefleckten

 Empfängnis.

Zur Zeit der Gegenreformation, da die katholische

Kirche ein verstärktes Gewicht auf die Anbetung der in

der E u c h a r i s t i e verborgenen Gegenwart Christi

legte, die von den Reformatoren geleugnet worden war,

ging darin das Herrscherhaus bald allen voran. Man

wurde sich jener in mittelalterlichen Chroniken überlieferten

 Erzählung wieder bewußt, wonach Rudolf von

Habsburg angesichts eines Priesters, der auf einem Versehgang

 das Allcrhciligstc trug, von seinem Pferde gestiegen

 sei und dieses dem Priester überlassen habe. War

schon im Mittelalter diese Tat des Glaubens mit der

darauf folgenden Königswahl Rudolfs in Zusammenhang

gebracht worden, so wurde späterhin die Verehrung des



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Sakramentes als Bedingung für die Weltherrschaft des

Hauses angesehen. Von früher Kindheit an, so heißt es in

barocken Ruhmestverken, wiire das Haus Habsburg durch

die kräftigende XVirkung des göttlichen Brotes für die

hohe Sendung als Stütze der Kirehe befähigt worden.

Tatsächlich wurde das Beispiel Rudolfs, des königlichen

Stammvaters, in ganz konkreter Weise nachgeahmt. Lis

wurde im llattse Sitte, einen Priester, der einem Kranken

die XVegzehrung hraeltte, zu begleiten. So heißt es von

Ferdinand 11., wenn er dem Venerabilc begegnete, „folgete

 er allezeit nach dem löblichen Exempel Rudulplti

des Ersten. Alsbald sprangc er mit lihrerbiettung aus

dem YVagen, boge sein Knye auf kothiget" Erden, bettet

an seinen Haylandt" und begleitete den Priester zum

Kranken. Es wurde auch der Kranke, wenn er aus niedrigem

 Stande oder notleidend war, fürstlich beschenkt.

Yon Karl U. von Spanien wird berichtet, daß er im

jahre 1685 vor dem Stadttor von Madrid einem Priester

mit dem Sakrament luegegnete, diesem seine Karosse anhot,

 und selbst nebenher ging, die Pferde lenkend, eine

Szene, die auf einem Stich von R. van llooghe festgehalten

 wurde. lis liellen sich zahlreiche ähnliche Beispiele

 aniühren, bis selbst zum jungen Kaiser liranz

Joseph, der 1852 auli einer Prateritthrt mitten unter der

Menge einen Priester mit dem (Iiborium sah, aus dem

Wagen ausstieg und sein Knie beugte.

(Üleichzeitig, als die prächtigen Fronleiehnamsprozesrsionen

 gleichsam als katholische Protestkundgebungen

zugunsten des eueharistisehen Glaubens Wieder in I" bung

kamen, wurde es für die Mitglieder des Kaiserhauses

Pflicht, diesen Triumphzug zu begleiten. Hiebei wurde

auf höchste persönliche Schlichtheit Wert gelegt. Sie
            
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